Neues Buch über Entnazifizierung
Schneller Ruf nach Schlussstrich

Münster -

Der Historiker Philipp Erdmann hat ein Buch über die Entnazifizierung nach dem Zweiten Weltkrieg in Münster geschrieben. Am Donnerstagabend stellte er es vor mehr als 100 Interessierten im Stadtarchiv vor.

Freitag, 29.06.2018, 17:30 Uhr

Der Historiker Philipp Erdmann (l.) stellte am Donnerstagabend sein Buch „Entnazifizierung in Münster“ im Stadtarchiv vor. Neben ihm (v.l.) Anja Gussek vom Stadtarchiv sowie Dr. Dirk Paßmann und Silke Haunfelder vom Aschendorff-Verlag, wo das Buch erschienen ist.
Der Historiker Philipp Erdmann (l.) stellte am Donnerstagabend sein Buch „Entnazifizierung in Münster“ im Stadtarchiv vor. Neben ihm (v.l.) Anja Gussek vom Stadtarchiv sowie Dr. Dirk Paßmann und Silke Haunfelder vom Aschendorff-Verlag, wo das Buch erschienen ist. Foto: kal

Hans Aschoff war ein Nazi der allerersten Stunde. Bereits 1923 trat er der NSDAP-Ortsgruppe München und der SS bei – drei Jahre, nachdem er in seiner Heimat Münster eine Stahlhelm-Gruppe gegründet hatte.

Noch vor der „Machtergreifung“ der Nazis wurde er dann Propagandaleiter der Ortsgruppe Münster und kurz darauf Kreisleiter. Mit gerade mal 35 Jahren erhielt er schließlich 1934 den Posten des Verkehrs- und Kulturdezernenten der Stadt Münster. Aschoff war „ein Vollblut-Nazi“, schreibt der münsterische Historiker Philipp Erdmann in seinem Buch „Entnazifizierung in Münster. Eine Stadt verhandelt ihre Vergangenheit 1945-1952“. Am Donnerstagabend stellte er die Studie, die im Rahmen der Schriftenreihe des Stadtarchivs erschienenen ist, vor mehr als 100 Zuhörern in der Speicherstadt vor.

Aschoff ist darin ein ganzes Kapitel gewidmet – durchlief er doch nach 1945 gleich mehrere Entnazifizierungsverfahren, durch die er sich mehr schlecht als recht mit allerlei Lügen navigierte. Lügen, von denen er bis weit in die 60er- Jahre nicht abrückte. So behauptete er, nie die Parteiuniform getragen zu haben – obwohl auf einem Foto aus dem Jahr 1938 das Gegenteil zu sehen ist.

Aschoff ist nur ein Nazi von vielen, an denen die von den Alliierten angestoßene Entnazifizierung an ihre Grenzen stieß – und der Betroffene unterm Strich noch gut davonkam. Erdmann präsentierte am Donnerstagabend noch weitere Beispiele, erläuterte aber auch die Rahmenbedingungen und die Vorgehensweise bei der Entnazifizierung.

Zwei durchaus erstaunliche Erkenntnisse des jungen Historikers: Zum einen gab es in Münster bereits unmittelbar nach Kriegsende eine durchaus kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Funktionsträgern. Zu milde Urteile der Entnazifizierungsausschüsse führten im Einzelfall sogar zu Protesten in der Bürgerschaft. Eine weitere wichtige Erkenntnis: So schnell, wie die Entnazifizierung begann, so schnell war sie auch wieder zu Ende. Bereits 1947 gab es laut Erdmann einen Stimmungswandel in der Bevölkerung, wurden Rufe nach einem „Schlussstrich“ laut. Der erfolgte schließlich 1952 – per Gesetz.

Dennoch: Laut Erdmann war die Entnazifizierung durchaus ein Erfolg, habe sie einstige Nazi-Funktionsträger doch gerade in jener Zeit von neuen Ämtern ferngehalten, als die neue, demokratische Bundesrepublik entstand.

Infos zum Buch

Das Buch von Philipp Erdmann, „Entnazifizierung in Münster“, ist im Aschendorff-Verlag erschienen. Es hat 140 Seiten und kostet 19,80 Euro.

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