Meret Meyer in Münster
Chagalls Enkelin zu Gast im Picasso-Museum

Münster -

Die Enkeltochter von Marc Chagall, Meret Meyer, ist zurzeit in Münster zu Gast. Anlass ist eine neue Chagall-Ausstellung im Picasso-Museum. Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet die Enkelin unter anderem, was sie an ihrem Großvater besonders mochte.

Sonntag, 14.10.2018, 15:23 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 14.10.2018, 09:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Sonntag, 14.10.2018, 15:23 Uhr
Meret Meyer vor einem Gemälde ihres Großvaters, das ab heute im Picasso-Museum zu bewundern ist. Marc Chagalls „Der Engel mit der Palette“ (1928/1936) hängt derzeit in einem Museum in Marseille.
Meret Meyer vor einem Gemälde ihres Großvaters, das ab heute im Picasso-Museum zu bewundern ist. Marc Chagalls „Der Engel mit der Palette“ (1928/1936) hängt derzeit in einem Museum in Marseille. Foto: kal

Meret Meyer überquert die Königsstraße und setzt sich an den Tisch eines Restaurants am Picasso-Platz, wo bereits der Direktor des Kunstmuseums Pablo Picasso, Prof Dr. Markus Müller, auf sie wartet. An diesem sommerlichen Oktober-Mittag ist sie nur ein Restaurant-Gast von vielen, „Frau Meyer“. Niemand an den benachbarten Tischen ahnt, dass die elegante Frau mit der auffälligen Frisur die Enkeltochter eines der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts ist: Marc Chagall.

Meret Meyer ist in Münster, weil das Picasso-Museum ab heute eine große Chagall-Ausstellung zeigt. Sie ist aus ihrer Geburtsstadt Paris angereist, spricht allerdings auch Deutsch mit Schweizer Akzent. „Ich war sechs Jahre alt, als wir in die Schweiz zogen, mein Vater arbeitete dort unter anderem als Direktor des Kunsthauses Basel“, erzählt sie.

Er war kein normaler Großvater für mich, sondern der Inbegriff eines großen Künstlers, der auch mein Großvater ist.

Meret Meyer

Der große Künstler

Als Marc Chagall 1985 starb, war Meret Meyer 30 Jahre alt. Was war er für sie – der große unnahbare Künstler oder einfach nur „Opa“? „Er war kein normaler Großvater für mich, sondern der Inbegriff eines großen Künstlers, der auch mein Großvater ist“, sagt sie und berichtet dann, wie sie Marc Chagall wahrgenommen hat. „Er war immer sehr aktiv, bis zum letzten Tag. Die Kunst war sein Lebenselixier.“

Warmherzig sei ihr Großvater gewesen, zudem scharfsinnig. „Wenn man ihm gegenüber saß, dann sagte er etwas auf den Punkt. Er konzentrierte sich immer auf das Wichtige. Das hatte mich von Kind an fasziniert.“ Marc Chagall, sagt Meret Meyer, „war ein Mann, der wusste, was er wollte, wie er Künstler wird, wie er sich die Welt erschließen muss, damit er findet, was er sucht“.

Marc Chagall stammte aus Vitebsk im heutigen Weißrussland. 70 Synagogen gab es dort, als der jüdische Künstler 1887 das Licht der Welt erblickte. „Man spürt noch heute die Atmosphäre dieser früheren Welt“, sagt Meret Meyer, die Vitebsk besucht hat. Von den 70 Synagogen steht indes nach Pogromen und Holocaust nur noch eine einzige.

Hat sie, als Kind, ihrem Großvater beim Malen zugeschaut? „Jeder Künstler, der von Zweifeln bewohnt ist, möchte alleine arbeiten“, sagt Meyer – um ungestört mit den Dämonen, die ihn heimsuchen, ringen zu können.

Kunstverlag statt Küche

Als sie klein war, wollte sie Köchin werden, dann Schauspielerin, schließlich arbeitete sie für Kunstverlage. Seit nunmehr zwei Jahrzehnten ist Meret Meyer Vizepräsidentin des „Comité Marc Chagall“, das sich um Schutz und Förderung seines Werkes kümmert. Museen und Sammler aus der ganzen Welt wenden sich laut Meyer an das Comité, wenn es darum geht, die Echtheit von Chagall-Werken zu ermitteln.

Manchmal kommt es zu Enttäuschungen, wenn sich ein Bild als Fälschung herausstellt. „Chagalls Bilder wurden schon in den 1910er-Jahren gefälscht“, berichtet die Enkelin.

Daneben berät das Comité bei Ausstellungsprojekten. So auch jetzt in Münster, wo bis Anfang 2019 mehr als 100 Werke von Chagall präsentiert werden. Dies ist bereits ihre dritte Kooperation mit dem Kunstmuseum Pablo Picasso, für das sie nur Lob übrig hat: Es stelle die richtigen Fragen und trage so dazu bei, dass das zeitlose Werk Chagalls auch auf aktuelle Fragen Antworten geben könne.

Nur eine Chagall-Radierung zu Hause

Umgibt sie sich zu Hause mit Werken ihres Großvaters? „Nein“, sagt Meret Meyer, „bei mir in Paris hängt nur eine Radierung von Chagall.“ Nicht etwa, um Distanz zu ihrem großen Verwandten zu wahren. „Sondern weil ich nicht mit großen Sicherheitsvorkehrungen leben möchte.“ Anders in ihrer Jugend: „Als wir Kinder waren, hing in allen Räumen große Kunst, auch von Picasso, Braque, Giacometti.“

Ihr Lebensweg war damit vorgezeichnet. Die Leidenschaft, mit der sie von ihrem Großvater und seinem Werk berichtet, zeigt, dass es der richtige Weg war.

Heute ist Marc Chagall einer der beliebtesten Künstler, seine Ausstellungen sind ein Publikumsmagnet. Meret Meyer sieht das positiv: „Wenn Kunst Menschen glücklich macht und ihnen etwas gibt, dann sorgt das dafür, dass sein Werk weiterlebt. Und genau das ist doch unser Anliegen.“

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