Interview mit dem Leiter des Gesundheitsamts Münster
Grippeschutz: Der Impfstoff wird knapp

Münster -

Vor Kurzem warb die Stadt noch massiv für Grippeschutzimpfungen. Offenbar erfolgreich: Die Nachfrage ist so groß, dass der Impfstoff bereits knapp zu werden beginnt. Noch bestehe allerdings eine gute Chance, sich impfen zu lassen, meint der Leiter des Gesundheitsamts.

Samstag, 10.11.2018, 10:11 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 10.11.2018, 07:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 10.11.2018, 10:11 Uhr
Dr. Norbert Schulze Kalthoff ist Leiter des Gesundheits- und Veterinäramts der Stadt Münster.
Dr. Norbert Schulze Kalthoff ist Leiter des Gesundheits- und Veterinäramts der Stadt Münster. Foto: spe

In den vergangenen Jahren wurden die Münsteraner immer impfmüder. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung gab es in Münster vor der vergangenen Grippe-Saison nur 20 400 Schutzimpfungen, fünf Jahre zuvor waren es noch über 25 000. Derzeit allerdings ist die Nachfrage so groß, dass der Impfstoff knapp wird. Redakteur Lukas Speckmann sprach mit dem Leiter des städtischen Gesundheits- und Veterinäramts, Dr. Norbert Schulze Kalthoff, darüber.

Gibt es überhaupt noch genügend Impfstoff?

Schulze Kalthoff: Es gibt eine relative Verknappung. Die Einzelpackung ist in den Apotheken im ganzen Land kaum noch zu haben. Viele Arztpraxen haben sich eingedeckt, aber vereinzelt wird es eng.

Warum wird nicht einfach neuer Impfstoff produziert?

Schulze Kalthoff: Das geht nicht. Es dauert mindestens drei Monate, ihn herzustellen, und der Startschuss für die kommende Saison war im April. Jeder Hersteller muss die Nachfrage kalkulieren und selbst entscheiden, wie viel er produzieren will. Restbestände können sich die Firmen nicht leisten, denn der aktuelle Impfstoff wäre schon in der nächsten Saison nicht mehr zugelassen.

Impfstoff aus dem Ausland

Gibt es keine Reserven?

Schulze Kalthoff: Es gibt Überlegungen, weiteren Impfstoff aus dem Ausland zu importieren, wenn es dort wegen geringerer Nachfrage Restbestände geben sollte. Da die Zusammensetzung jährlich neu von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlen wird, ist es weltweit derselbe Impfstoff.

Der in diesem Jahr vier Wirkstoffe enthält und deshalb wirksamer ist als in den Vorjahren?

Schulze Kalthoff: Ja. Es wird aber auch nach wie vor ein Dreifach-Impfstoff produziert, davon ist auch noch genug vorhanden. Darauf zurückzugreifen wäre auch noch eine Möglichkeit, wenn der Vierfache nicht mehr zu haben ist.

Warum wird überhaupt noch Dreifach-Impfstoff hergestellt, wenn er nicht ganz so wirksam ist?

Schulze Kalthoff: Vermutlich ist das eine Frage der Finanzierbarkeit, der Vierfach-Impfstoff ist einfach teurer.

14 Euro für eine Dosis

Was kostet er?

Schulze Kalthoff: Bei einem Zehner-Gebinde kostet eine einzelne Dosis etwa 14 Euro.

Die Krankenkassen übernehmen das?

Schulze Kalthoff: In der Regel schon. Verpflichtet sind die gesetzlichen Kassen dazu nur dann, wenn es eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission gibt. Diese Empfehlung betrifft zwar nur bestimmte Risikogruppen, aber die Kassen sind kulant. Eine Schutzimpfung ist deutlich günstiger als ein mehrtägiger Klinikaufenthalt.

Die Nachfrage ist in Münster gestiegen?

Schulze Kalthoff: Ein Indikator sind die Zahlen unseres Betriebsmedizinischen Dienstes. Er bietet Mitarbeitern der Stadtverwaltung jährlich eine Impfung an. In der vergangenen Saison wurde das 250 Mal angenommen, diesmal schon über 400 Mal. Also eine Steigerung um 60 Prozent. Auch aus der Ärzteschaft höre ich von ähnlichen Zuwachsraten.

Heftige Grippewelle im Frühjahr 2018

Woran liegt es?

Schulze Kalthoff: Vielleicht an der heftigen und sehr langen Grippewelle im vergangenen Frühjahr, als uns 1213 Influenza-Fälle gemeldet wurden – fünf Mal so viele wie im Vorjahr. Es gab Überlastungen in den münsterischen Krankenhäusern, daran werden sich viele erinnern. Und schließlich hat sicher auch die Berichterstattung in den Medien zur steigenden Nachfrage geführt. Im kommenden Jahr müssten wir das Thema vielleicht vier Wochen früher anstoßen.

Wann ist denn die beste Zeit, sich impfen zu lassen?

Schulze Kalthoff: Jetzt. Nach der Impfung muss man dem Körper 14 Tage Zeit lassen, Antikörper zu bilden. Die eigentliche Grippewelle beginnt in der Regel erst zum Jahreswechsel.

Es gibt nach wie vor Menschen, die eine Impfung ablehnen . . .

Schulze Kalthoff: Wer sich keiner Risiko-Gruppe zugehörig fühlt, hat auch einen rationalen Grund. Doch es gibt psychologische Hindernisse: Manche scheuen den Aufwand, sich einen Termin zu besorgen, andere haben Angst vor der Nadel. Und natürlich können nach der Impfung leichte Erkältungssymptome auftreten; eine abgeschwächte Form der Krankheit, gegen die man sich impfen lässt. Aber das geht weg.

Vor einigen Tagen noch . . .

Schulze Kalthoff: Das war Ende Oktober auch noch der Stand der Dinge. Nun haben wir innerhalb kürzester Zeit kein Nachfrageproblem mehr, sondern ein Angebotsproblem. So etwas lässt sich kaum vorhersagen, die Risikowahrnehmung der Bevölkerung hat einen wellenhaften Verlauf.

Impfen aus Verantwortung

Es ist doch gut, wenn sich viele Menschen impfen lassen möchten.

Schulze Kalthoff: Ja, das ist erfreulich. Ich wünsche mir, dass die Impfrate vor allem bei jenen, die viel Kontakt mit alten oder kranken Menschen haben, besonders hoch ist. Das hat etwas mit Verantwortung zu tun. Einen hundertprozentigen Schutz gibt es in keinem Fall.

Derzeit gibt es noch Chancen auf eine Grippeschutzimpfung?

Schulze Kalthoff: Ja. Man sollte sich zunächst an die eigene Hausarztpraxis wenden. Wenn es dort keinen Impfstoff mehr gibt, kann man sich nach anderen Praxen oder Apotheken erkundigen, die noch bevorratet sind. Die kennen sich oft untereinander und wissen eine Lösung. Eine zentrale Hotline gibt es allerdings nicht. Man muss wirklich anrufen oder hingehen.

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