Historisches Terrain im Überwasserviertel
„Keiner weiß, was das soll“

Münster -

Archäologen legten im Überwasserviertel erstaunliche Funde frei. Dann wurde die Gesamtschule Münster-Mitte gebaut. Weiße Pflastersteine auf dem Schulhof haben eine Bedeutung. Nur keiner weiß, welche.

Mittwoch, 24.04.2019, 09:00 Uhr
Robert Hülsmann würde sich über Schautafeln an den Zufahrten zum Schulplatz der Gesamtschule Münster-Mitte freuen, mit denen die vielen weißen Linien in der Pflasterung erklärt werden könnten.
Robert Hülsmann würde sich über Schautafeln an den Zufahrten zum Schulplatz der Gesamtschule Münster-Mitte freuen, mit denen die vielen weißen Linien in der Pflasterung erklärt werden könnten. Foto: gh

Die Archäologen haben über ein Jahr an der Jüdefelderstraße im Überwasserviertel gegraben. Erstaunliche Funde wurden dabei ans Tageslicht befördert. Unter anderem legten die Experten vor vier Jahren die Grundrisse von sieben Grubenhäusern aus dem zehnten Jahrhundert frei. Später wurde an der Stelle die Gesamtschule Münster-Mitte errichtet, die offiziell im Herbst 2018 eingeweiht wurde.

Jetzt hofft Robert Hülsmann , Bewohner des Viertels, dass die damals zugesagten Schautafeln nicht mehr lange auf sich warten lassen. Viele Menschen, die die Abkürzung zwischen Frauenstraße und Überwasserstraße nutzten, wüssten nicht, auf welchem historischen Terrain sie sich in Münster bewegen würden, sagt der 79-Jährige: „Keiner weiß, was soll das.“

Zweifelhafter Ruf

Die weißen Pflasterungen auf dem Schulhof der Gesamtschule fallen auf, werden meistens aber nur als schmuckvoll bezeichnet, sagt Hülsmann. Er bedauert die fehlenden Erläuterungen, die jedoch demnächst nachgeliefert werden. Mechthild Mennebröcker von der städtischen Denkmalbehörde bestätigt, dass Hinweis- und Erläuterungstafeln kommen.

Der 79-jährige Robert Hülsmann, der seit 1959 im Viertel wohnt und dort ein Architekturbüro betrieben hat, das heute seine Tochter führt, hat über das Überwasserviertel eine Menge zu erzählen. Er räumt beispielsweise mit dem zweifelhaften Ruf auf, dass im Quartier früher nur Gauner unterwegs gewesen seien. Vielfach werde bei Erzählungen übers Überwasserviertel nur von Messerstechern berichtet, die sich im Quartier herumgetrieben haben sollen, so der Bewohner.

Früher als Panzerstraße bekannt

Tasche, Brink und Ribbergasse seien vom Namen her bekannt, mehr aber auch nicht. Hülsmanns Vorschlag: „Eine kleine Hinweistafel im Pflaster“. Das bekannteste Armenhaus Münsters, das sogenannte Zwölfmännerhaus, stand damals beispielsweise am Katthagen. Zwei Krankenhäuser und fünf Armenhäuser waren im Überwasserviertel angesiedelt. Auch habe es ungewöhnlich viele Gasthöfe und Herbergen gegeben, erzählt Hülsmann weiter.

Heute erschließt unter anderem die Überwasserstraße das Viertel. Diese Straße, erklärt er, sei früher als Durchbruchstraße oder Panzerstraße bekannt gewesen, weil sie direkt zur Garnison am Schlossplatz geführt habe.

Stolpersteine lieblos verlegt

Der Architekt ist volles Lobes für die Platzgestaltung vor der Gesamtschule Mitte und der früheren Jüdefelderstraße. Nur einen Kritikpunkt hat Hülsmann. Die Stolpersteine, mit denen in Münster Opfern des Nationalsozialismus gedacht werden soll, seien nach der gesamten Umbauphase auf dem neuen Platz lieblos verlegt worden. Diese Steine erinnern an die Familie Neuhaus, die in den 1930er-Jahren in Münster eine Antiquitäten- und Möbelhandlung betrieben hat. Die Familie besaß damals ein Haus in der Jüdefelderstraße 14.

Exakt diesen Standort könnte man mithilfe alter Zeichnungen aus dem Viertel nachvollziehen, sagt Robert Hülsmann. Momentan aber seien die Stolpersteine wahllos im Pflaster verschwunden, dort, „wo kein Mensch sie sieht“, kritisiert der 79-Jährige.

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