Hobby Briefmarkensammeln
Auf Weltreise, ohne das Haus zu verlassen

Münster -

„Hat das Briefmarkensammeln überhaupt noch eine Zukunft?“ Diese Frage stellte das „Magazin für Briefmarken-Sammler“ bereits im Jahr 1863. Damals lautete die Antwort: Ja! Doch wie sieht es heute mit dem einst weit verbreiteten Hobby aus – in Zeiten von Smartphones und E-Mails? Der neue Vorsitzende des Briefmarkensammlervereins Münster, Rolf Janssen, ist weniger pessimistisch, als man befürchten könnten.

Donnerstag, 15.08.2019, 10:00 Uhr
Rolf  Janssen mit einer Marke aus Mauritius.
Rolf Janssen mit einer Marke aus Mauritius (r.). Foto: Oliver Werner

Die Postkarte, die vor Rolf Janssen auf dem Tisch liegt, ist um die halbe Welt gereist. 1895 wurde sie in der portugiesischen Provinz Timor (Indonesien) aufgegeben, per Schiff nach Port Darwin und weiter nach Adelaide in Australien befördert. Nach drei Monaten erreichte sie schließlich den Empfänger in London.

Janssen zeigt auf die Stempel, die nicht nur am Start- und am Zielort, sondern auch an den Zwischenstationen auf die längst vergilbte Karte gedrückt wurden. „So können wir heute genau nachvollziehen, welchen Weg sie hinter sich hat“, sagt der 74-Jährige, der seit seiner Kindheit begeisterter Briefmarkensammler ist und neuerdings den Briefmarkensammlerverein Münster leitet.

Sammler seit dem achten Lebensjahr

500.000 Marken, so schätzt er, umfasst seine Sammlung. Wenn er aus einem seiner Alben wahllos eine Marke herauszieht, dann hat er sofort die Geschichte dahinter parat: wer auf dem Motiv zu sehen ist, wo sie abgeschickt wurde und entlanggereist ist, ob es sich um eine Rarität oder Massenware handelt. Und natürlich kennt Janssen, der als Lehrer am Paulinum und am Kant-Gymnasium unterrichtete, auch die Weltlage zu jener Zeit, als seine Marken auf Briefe oder Postkarten geklebt wurden.

Dieser Brief wurde 1895 in der portugiesischen Kolonie Timor abgeschickt. Er wurde unter anderem bei mehreren Zwischenstationen in Australien gestempelt.

Dieser Brief wurde 1895 in der portugiesischen Kolonie Timor abgeschickt. Er wurde unter anderem bei mehreren Zwischenstationen in Australien gestempelt. Foto: Oliver Werner

Seit seinem achten Lebensjahr sammelt Janssen Briefmarken. „Ich kann mich noch heute an die erste Marke erinnern, die ich im Album eines Freundes gesehen hatte, sie war grün, stammte aus den Niederlanden. Ich war sofort fasziniert.“ Wovon? „Vom Fremdartigen. Mit Briefmarken lernt man die ganze Welt kennen, ohne reisen zu müssen.“ Und so entschied sich Janssen, nicht nur Deutschland oder Europa zu sammeln. Sondern die ganze Welt. Darunter Länder, die es nicht mehr gibt, und Kolonien, die längst aufgegeben wurden.

Marken aus Dänisch-Westindien zum Beispiel. Der Brief, der hier Anfang des 20. Jahrhunderts abgeschickt wurde, gelangte mit dem „Hamburg-Dampfer“ über die norddeutsche Metropole nach Southampton. „Den habe ich von einem Tauschpartner am Niederrhein bekommen“, sagt Janssen. „Den Stempel habe ich nie zuvor gesehen.“

Briefmarkenalbum in Kopenhagen entdeckt

Eine andere Marke klebte auf einem Brief, der 1894 in Mosambik auf die Reise ging und zwischendurch von der „Afrika-Hauptlinie“ in Richtung Deutsch-Ostafrika transportiert wurde – mit deutschem Stempel. In dieser Kolonie hießen die Städte Bismarckburg und Wiedhafen, auch aus deren Postämtern hat Janssen Briefmarken – samt Stempel. Die sind ganz wichtig, sagt der Sammler, denn ohne Stempel lassen sich die Wege der Postsendungen nicht nachvollziehen. „Der Stempel sollte schön mittig auf der Marke sitzen, Ort und Datum sollten gut lesbar sein.“ Die meisten Marken in seinen Alben genügen dieser Anforderung.

Diese orange Mauritius sieht aus wie die berühmte blaue – ist aber weitaus weniger wert.

Diese orange Mauritius sieht aus wie die berühmte blaue – ist aber weitaus weniger wert. Foto: Oliver Werner

Mehr noch: Sie wurden von ihm gewaschen, bevor er sie in seine Sammlung einsortierte. Gewaschen? Ja, sagt Janssen, das sei ganz einfach, wenn man wisse, wie es geht, da könne nichts passieren. „Es sei denn, es handelt sich um grüne englische Marken aus der Zeit von 1901 bis 1910. Die werden beim Waschen gelb.“

Die optische Schönheit der Motive sei für ihn ausschlaggebend, sagt der 74-Jährige. Manche erhält er im Tausch, andere hat er gekauft. Und manchmal gelingt ihm sogar ein Glückstreffer. In Kopenhagen entdeckte er im Keller eines Schreibwarenladens ein altes Briefmarkenalbum. Mehrere orange Marken aus Mauritius steckten darin, echte Raritäten, doch der Händler wusste nichts davon. „Ich habe es für einen Spottpreis gekauft“, sagt Janssen.

„Briefmarkensammeln ist ein wunderbares Hobby. Es hat mein ganzes Leben geprägt“, erzählt er. Und ergänzt mit einem lauten Lachen: „Eigentlich bin ich krank. 66 Jahre Briefmarken zu sammeln, das ist doch ein Krankheitsbild.“

Janssen hofft auf Geschichtsinteressierte

Dann wird er ernst. „Briefmarken sind ein Kulturträger, sie erzählen so viel. Es wäre schade, wenn so ein Hobby den Bach runtergehen würde.“ Wer kauft denn noch Briefmarken? Vor 100 Jahren war ein Brief monatelang unterwegs, heute erreicht eine Mail in einer Tausendstel Sekunde ihr Ziel. Und so werden die Sammler in Zeiten der Digitalisierung immer älter, und neue Briefmarkenfreunde kommen kaum noch nach. „Mit 74 Jahren liege ich genau im Altersschnitt“, sagt Janssen. Das jüngste Mitglied des Briefmarkensammlervereins Münster ist 40 – und weiblich. Nur 15 der 165 Mitgliedern sind Frauen.

Und nun? Wie geht es weiter mit dem Hobby, bei dem Rolf Janssen in seinen eigenen vier Wänden durch die Welt reiste? „Hat das Briefmarkensammeln überhaupt noch eine Zukunft?“ fragte das „Magazin für Briefmarken-Sammler“ bereits im Jahr 1863. Es hatte eine Zukunft – allerdings wurden auch nach 1863 weiter munter Briefe verschickt. Das ist heute anders. Janssen hofft auf junge Menschen, die sich wie er für die Geschichte(n) hinter den Marken begeistern können, die nicht nur Sammler, sondern auch Geschichtsinteressierte sind. „Kürzlich habe ich bei Ebay bei einer jungen Frau Marken gekauft. Sie war selbst Sammlerin und vollkommen begeistert von ihrem Hobby.“ Begegnungen wie diese machen dem 74-Jährigen Hoffnung, dass das Hobby, das sein ganzes Leben prägte, auch dann noch eine Zukunft hat, wenn womöglich selbst die E-Mail längst Geschichte sein wird.

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