Kommentar zu Grundstücksankäufen der Stadt
Der Stadtrand macht das Rennen

Der lange in Münster vorgetragene Slogan „privat vor Staat“ hat auf dem Wohnungsmarkt nicht funktioniert. Heute muss sich die Stadt Gestaltungsmöglichkeiten zurückerkämpfen. An den Stadträndern gelingt ihr das. Traumhaftes „Wohnen im Grünen“ wird dabei aber nicht herauskommen. Ein Kommentar.

Samstag, 28.09.2019, 17:00 Uhr aktualisiert: 28.09.2019, 17:19 Uhr
 In Wolbeck entsteht das Baugebiet Berdel.
 In Wolbeck entsteht das Baugebiet Berdel. Foto: Stadt Münster

In den ersten zehn Jahren dieses Jahrhunderts – in Münster war es die Ära des damaligen Oberbürgermeisters Berthold Tillmann – war der politische Zeitgeist geprägt vom Slogan „privat vor Staat“.

Auf manchen Feldern des öffentlichen Lebens mag der Slogan Positives bewirkt haben, auf dem Wohnungsmarkt sicherlich nicht. Münster hat im großen Stil Grundstücke verkauft, ohne neue zu kaufen. Damit wurden Gestaltungsmöglichkeiten aufgegeben, um deren Wiedererlangung die Stadt heute kämpft.

Wie mühsam dies ist, dokumentieren die im Jahr 2012 begonnenen Konversionsverhandlungen, die im kommenden Jahrzehnt in neue Wohnquartiere in Gremmendorf und Gievenbeck münden sollen. Jahrelang umwarb ein wohnungspolitisch unter Druck stehender Oberbürgermeister Markus Lewe den damaligen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der (als oberster Eigentümer der Kasernen) die Dollarzeichen in den Augen hatte. Sechs Jahre dauerte es, bis die Stadt jene Vergünstigungen beim Grunderwerb realisieren konnte, ohne die das viel zitierte preiswerte Wohnen nur ein Traum geblieben wäre.

Weitaus unspektakulärer, aber deswegen nicht weniger wirkungsvoll waren vier große Grundstücksankäufe in den vergangenen Monaten in Nienberge, Handorf, Wolbeck und Hiltrup. Hier entstehen riesige neue Wohngebiete. In Kombination mit Gievenbeck und Gremmendorf erlauben diese Stadtteile den berühmten großen Schluck aus der Pulle. Da in allen Fällen das Instrumentarium der sozial gerechten Bodennutzung greift, welche de facto eine Quote für Sozialwohnungen vorsieht, gibt es auch in dieser Hinsicht einen großen Schluck aus der Pulle.

Bemerkenswert an dieser Entwicklung ist auch Folgendes: Die großen Veränderungen spielen sich nicht in der Innenstadt ab, sondern am Stadtrand. Über 5000 Wohnungen sollen in den genannten Quartieren entstehen, das ist nur mit einem hohen Anteil an Mehrfamilienhäusern realisierbar. So mancher Münsteraner, da darf man sicher sein, wird sich das „Wohnen im Grünen“ ganz anders vorstellen. Aber in Zeiten des Wohnungsmangels kann man nicht alles haben.

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