Krebspatient Lothar Wehner profitiert von Tumorzentrum
Verstehen, wie genau der Krebs wächst

Münster -

Nach dem ersten Besuch in der Notaufnahme schickte man Lothar Wehner nach Hause. Erst in der zweiten Klinik erkannte man die Ursachen seiner Schmerzen: Ein Wirbel war gebrochen. Dann kam der Hammer: Eine Metastase war der Grund für den Bruch.

Dienstag, 31.12.2019, 07:00 Uhr aktualisiert: 31.12.2019, 10:05 Uhr
Arbeiten zusammen im WTZ mit der Uniklinik Essen: Prof. Wolfgang Hartmann (l.), Dr. Christoph Schülke (r.) und die Direktorin des Netzwerkpartners Münster, Prof. Annalen Bleckmann. Lothar Wehner bekommt so eine individualisierte Therapie.
Arbeiten zusammen im WTZ mit der Uniklinik Essen: Prof. Wolfgang Hartmann (l.), Dr. Christoph Schülke (r.) und die Direktorin des Netzwerkpartners Münster, Prof. Annalen Bleckmann. Lothar Wehner bekommt so eine individualisierte Therapie. Foto: UKM/Schirdewahn

Dass der Krebs bei Lothar Wehner überhaupt entdeckt wurde, hat er eher dem Zufall zu verdanken. Im Sommer 2017 kam er mit starken Rückenschmerzen in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Von dort schickte man ihn wieder nach Hause, er hatte keine neurologischen Ausfälle, sodass ein Bandscheibenvorfall ausgeschlossen wurde. Erst in der zweiten Klinik erkannte man die Ursachen seiner Schmerzen: Ein Wirbel war gebrochen. Am Universitätsklinikum Münster (UKM) wurde Wehner operiert, der Wirbel versteift. „Allerdings war die Diagnose nach dem Aufwachen niederschmetternd“, sagt der 65-Jährige. „Während der Operation wurde entdeckt, dass eine Metastase der Grund für den Bruch war.“

Prof. Wolfgang Hartmann vom Gerhard-Domagk-Institut für Pathologie am UKM machte in Gewebeuntersuchungen ein spezielles Lungenkarzinom, einen sogenannten Nichtraucher-Krebs, als Ursprung der Krebserkrankung aus. „In detaillierten Genanalysen schauen wir, was genau das molekulare Triebwerk des Tumors ist“, erläutert Hartmann. „Wenn wir verstehen, wie der Tumor wächst, können die Onkologen ihn immer häufiger mit maßgeschneiderten Waffen schlagen.“ Während der Pathologe den Tumor klassifiziert, untersucht der Radiologe, ob er gestreut hat. „Bei Lothar Wehner waren die Metastasen nicht nur in den Hüft- und Oberschenkelknochen, sondern auch in Hirn und Leber nachweisbar“, so Dr. Christoph Schülke, Institut für Klinische Radiologie.

Maßgeschneiderte Therapie 

„Wenn die molekularen Eigenschaften und die Ausbreitung eines Tumors genau benannt sind, können wir Krebsmediziner die Therapie passgenau planen“, erklärt die Direktorin des WTZ-Netzwerkpartners Münster, Prof. Annalen Bleckmann. WTZ steht für Westdeutsches Tumorzentrum. Im Fall von Lothar Wehner ergab die Diagnostik, dass er unter einer Tumorvariante leidet, die weniger als fünf Prozent der Patienten mit Lungenkarzinom betrifft.

Die gewählte Therapie, informiert das UKM weiter, zeigte schnell Wirkung. Im vergangenen September gab es dann jedoch einen Rückfall: Bei einer Routine-Untersuchung erkannten die Radiologen das Wachstum einer Lebermetastase. Die Analysen neuer Gewebeproben zeigten, dass es zu einer sehr seltenen Genmutation gekommen war. Gemeinsam mit den Essener Kollegen wurden daraufhin während des neu entwickelten „Molekularen Tumorboards“ weitere Behandlungsoptionen besprochen. Nach einer erneuten Therapieanpassung hat sich Lothar Wehners Zustand inzwischen deutlich gebessert: „Ich fühle mich wieder gut“, sagt er selbst.

Zusammenarbeit der Kliniken

Insgesamt gibt es nach UKM-Angaben 19 Tumorkonferenzen in der Woche. Hinzugekommen ist das neue „Molekulare Tumorboard“ mit Essen. „Dass durch die Zusammenarbeit im WTZ Spezialisten beider Unikliniken bei Bedarf gemeinsam diskutieren können, erweitert den therapeutischen Blick auf den einzelnen Tumor“, betont Bleckmann. „Die Krebsmedizin wird immer spezieller. Wir versuchen, die Tumortherapie zu personalisieren. Dementsprechend individuell ist dann auch die Behandlung.“

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