Kattentidt und Herbermann bilden das Spitzenduo
Überraschung an der grünen Spitze

Münster -

Der Parteitag der münsterischen Grünen wurde zu einem Wahlmarathon. Mehrere Stunden wählten die Parteimitglieder die Kandidaten für die Ratsliste für die Kommunalwahl im September. Mit überraschendem Ausgang.

Sonntag, 16.02.2020, 18:00 Uhr aktualisiert: 16.02.2020, 18:11 Uhr
Sie wurden an die Spitze der GAL-Ratsliste gewählt (v.l.): Otto Reiners, Petra Dieckmann (hinten), Jule Heinz-Fischer, Robin Korte, Christoph Kattentidt, Anne Herbermann, Carsten Peters, Leon Herbstmann, Sylvia Rietenberg und Andrea Blome.
Sie wurden an die Spitze der GAL-Ratsliste gewählt (v.l.): Otto Reiners, Petra Dieckmann (hinten), Jule Heinz-Fischer, Robin Korte, Christoph Kattentidt, Anne Herbermann, Carsten Peters, Leon Herbstmann, Sylvia Rietenberg und Andrea Blome. Foto: Klaus Baumeister

Geschlagene fünf Stunden musste der mächtige GAL-Fraktionschef Otto Reiners warten, bis die erlösende Nachricht kam. Bei der Kampfabstimmung um Platz zehn der Ratsliste für die Kommunalwahl setzte er sich im dritten Wahlgang mit 53,6 Prozent der Stimmen gegen den 22-jährigen Studenten Albert Wenzel (46,4 Prozent) durch. Spätestens in diesem Moment war klar, dass Reiners der Verlierer dieses wegweisenden Parteitags der münsterischen Grünen war.

Beim Kampf um Platz zwei (dem ersten „Männerplatz“) unterlag Reiners dem Ratskollegen Christoph Kattentidt , bei der Abstimmung um Platz vier unterlag er dem Kollegen Carsten Peters. Bei der Abstimmung über Platz acht zog Reiners kurzfristig seine Bewerbung zurück.

Dutzende Wahlgänge

Eine Überraschung gab es auch bei den Frauen. Bei der Wahl um dem Spitzenplatz eins setzte sich das in der öffentlich weithin unbekannte Vorstandsmitglied Anne Kathrin Herbermann mit erdrutschartigen 76,9 Prozent der Stimmen gegen die favorisierte Kreisvorsitzende Anna Blundell durch. Während Blundell eine eher bedächtige Bewerbungsrede hielt („Münster ist die Stadt, in der ich mit dem Fahrrad zur Uni fahren kann“), bevorzugte Herbermann die Abteilung Attacke. Ihr Forderungskatalog: Rieselfelder für Autos schließen, kein Ausbau der B51 nach Telgte, keine Eschstraße. Auch ihr Satz „Wir müssen der CDU das Zepter aus der Hand nehmen“ kam bei den rund 150 Parteimitgliedern in der Geistschule sehr gut an.

Nach dem Listenparteitag, der sich wegen Dutzender Wahlgänge über den ganzen Tag hinzog, ist jetzt klar, mit welchem Spitzentrio die Grünen in den Wahlkampf ziehen. Dem bereits nominierten Oberbürgermeisterkandidaten Peter Todeskino stehen als Spitzenkandidaten für den Rat Anne Herbermann und Christoph Kattentidt zur Seite.

Die Ratsliste der Grünen

Die Ratsliste der Grünen für den Kommunalwahlkampf: 1. Anne Herbermann, 2. Christoph Kattentidt, 3. Sylvia Rietenberg, 4. Carsten Peters, 5. Jule Heinz-Fischer, 6. Robin Korte, 7. Petra Dieckmann, 8. Leon Herbstmann, 9. Andrea Blome, 10. Otto Reiners, 11. Annika Bürger, 12. Albert Wenzel, 13. Ingrid Kremer, 14. Klaus Rosenau, 15. Christine Schulz, 16. Harald Wölter, 17. Rita Stein-Redent, 18. Achim Specht, 19. Leandra Praetzel, 20. Rainer Bode. Aktuell stellen die Grünen 15 Ratsmitglieder.

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Bezeichnend für den Parteitag war – abgesehen von den vielen Kampfkandidaturen – der Umstand, dass die Jüngeren und die Linken mächtig Druck machten. Beispielhaft hierfür war die 21-jährige Studentin Jule Heinz-Fischer. Sie begann ihre Bewerbungsrede mit der Frage: „Wie überwinden wir den Kapitalismus?“ Sodann forderte sie die Einstellung des Betriebes am Flughafen Münster-Osnabrück, nannte Parkhäuser eine „blöde Idee“ und plädierte für einen Stopp neuer Hotelbauten in Münster. Bei der Abstimmung – immerhin um den sehr aussichtsreichen Listenplatz fünf – schaffte sie auf Anhieb 54,1 Prozent und setzte sich unter anderem gegen Ratsfrau Petra Dieckmann durch, die bei Platz sieben zum Zuge kam.

Alle Anwesenden einig im Ziel

Alle Kandidaten wurden danach befragt, ob sie eine Fortsetzung des schwarz-grünen Bündnisses nach der Wahl begrüßen würden. Die meisten äußerten sich diplomatisch, wobei die Antwort des Kandidaten Robin Korte bezeichnend war. Er schloss ein solches Bündnis nicht aus, fügte aber sogleich hinzu: „Die CDU ist nicht unser natürlicher Partner.“

Auch Spitzenkandidat Christoph Kattentidt legte die Messlatte für ein neuerliches Bündnis mit der CDU sehr hoch. Er sagte, dass man vorzugsweise ein Bündnis mit Parteien eingehen wolle (eine rechnerische Mehrheit natürlich vorausgesetzt), mit denen man gemeinsam das Ziel einer autofreien Innenstadt umsetzen könne. Ohnehin wurde die „autofreie Innenstadt“ in dem Bewerbungsmarathon der Grünen so oft genannt, dass man davon ausgehen kann, dass die Grünen es zum zentralen Wahlkampfthema erheben.

Einig waren sich alle Anwesenden auch in einem anderen Ziel: Die Grünen wollen nach der Kommunalwahl am 13. September die stärkste Fraktion im Rat bilden. Aktuell belegen sie Platz drei hinter CDU und SPD.

Kommentar

Grüne wollen die Macht

Dass Parteien an die Macht kommen wollen, dürfte eine Binsenweisheit sein. Seit der Europawahl 2019, als die Grünen erstmals die meisten Stimmen in Münster holten, hat ihr Machthunger ein Ausmaß angenommen, welches man – je nach Perspektive – als faszinierend oder als beängstigend empfinden kann.

Jenseits des Kampfes um Prozente und Mandate war beim Listenparteitag am Samstag in der Geistschule noch etwas anderes zu spüren: Die Grünen wollen die Dauerregentschaft der CDU beenden und sich als führende politische Kraft in der Universitätsstadt etablieren.

Sollte Münsters CDU in den vergangenen Jahren darauf spekuliert haben, man könne die Grünen programmatisch bändigen, indem man sie in die Regierungsarbeit einbindet, so sprach der Auftritt am Samstag eine andere Sprache. Kritik an CDU-Positionen war der beste Garant für Applaus. Nach grüner Lesart wäre die CDU in einem neuerlichen Bündnis – wenn überhaupt – ohnehin nur der Juniorpartner.

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