Interview mit Historiker
Prof. Thießen: Warum Infektionskrankheiten ein Seismograf des Sozialen sind

Münster -

Die Corona-Pandemie wird in diesen Tagen regelmäßig mit Seuchen wie der Pest oder der Spanischen Grippe verglichen. Historiker Prof. Dr. Malte Thießen bezeichnet Seuchen auch aufgrund der aktuellen Lage als „Stresstest für die Gesellschaft“.

Freitag, 27.03.2020, 08:00 Uhr
An vielen Grenzen gibt es mittlerweile Kontrollen – oder gar kein Durchkommen mehr. Die Angst vor der Verbreitung des Coronavirus ist groß.
An vielen Grenzen gibt es mittlerweile Kontrollen – oder gar kein Durchkommen mehr. Die Angst vor der Verbreitung des Coronavirus ist groß. Foto: imago-images

Das Coronavirus breitet sich weiter aus. Es werden immer mehr Schutzmaßnahmen ergriffen, das öffentliche Leben ist zum Erliegen gekommen. Die Unruhe in der Bevölkerung nimmt zu. Prof. Dr. Malte Thießen, Historiker und Leiter des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte, erklärt im Interview, woher die Angst vor Seuchen kommt.

Worin begründet sich die Angst vor Seuchen in der Gesellschaft?

Thießen: Seuchen sind die sozialsten aller Krankheiten: Sie schüren gewaltige Ängste, weil sie jeden treffen können. Mitmenschen mutieren auf einmal zu Bedrohungen, Familie und Freunde hingegen zu schutzlosen Opfern. Die Seuche – das sind immer die anderen. Bei der aktuellen Pandemie sind die Ängste umso größer, weil das Virus neu ist. Neue Krankheiten wirken immer bedrohlicher als bekannte. Der Vergleich mit der saisonalen Influenza bietet dafür ein Beispiel.

Warum ist die Angst vor dem Coronavirus so groß?

Thießen: Das Neuartige befördert die Verbreitung von Vermutungen und Verschwörungstheorien, die im digitalen Zeitalter schnell „viral gehen“. Menschen möchten das Unbekannte einordnen, um Sicherheit zu gewinnen und ihr Leben planen zu können – ein ganz natürlicher Prozess. Leider greifen wir dabei mitunter auf Stereotype und Deutungen zurück, die wenig mit der medizinischen Lage, sondern mehr mit unseren Weltbildern zu tun haben. Sorgen vor gewinnsüchtigen Pharmaunternehmen oder vor einem hilflosen Staat befördern die Ängste. Diese sind mitunter ebenso gefährlich wie die Seuche selbst.

Welche historischen Beispiele für Seuchenausbrüche gibt es?

Thießen: Besonders beliebt sind momentan Bezüge auf die Pestpandemien der 1340er Jahre oder auf die Spanische Grippe von 1918/19. Diese Liste des Grauens lässt sich aber problemlos auch für die jüngere Zeit fortsetzen. So forderten Kinderlähmung und Diphtherie bis in die 1960er Jahre tausende Opfer. Noch in den 1970er Jahren wurden immer wieder die Pocken in die Bundesrepublik eingeschleppt.

Was lässt sich aus dieser Geschichte für die Gegenwart lernen?

Thießen: Die Seuchengeschichte macht die Gefahren von Stereotypen sichtbar. Während der Pestepidemien gerieten beispielsweise immer wieder die jüdischen Einwohner von Städten ins Visier. Sie wurden als Pestbringer ausgegrenzt und sogar ermordet. Es wäre aber zu einfach, solche Ausgrenzungen nur auf ein „finsteres Mittelalter“ zu reduzieren. Die Ausgrenzungen von Schwulen in den 1980er Jahren, in denen Aids als Homosexuellen-Seuche Schlagzeilen machte, sind ein nicht minder abschreckendes Beispiel für ganz reale Bedrohungen, die von Stereotypen ausgehen. Wir sollten also vorsichtig sein mit vorschnellen Zuschreibungen und Stereotypen und uns bewusstmachen, dass Menschen noch heute ausgesprochen mittelalterlich reagieren können.

Was für Bekämpfungsstrategien stehen damals wie heute im Fokus? Wie sollte die Politik reagieren?

Thießen: Isolation und Quarantäne sind seit Jahrhunderten das beliebteste Mittel der Seuchenbekämpfung. Bereits während der Pestzüge wurden ganz Städte und Landstriche abgeriegelt. Allerdings gibt es aus historischer Perspektive auch Schwierigkeiten mit dieser Strategie. Schon für das 13. und 14. Jahrhundert finden wir Belege, dass sich Bevölkerungskreise aus der Isolation freikauften oder Waren- und Menschenströme nicht konsequent kontrolliert wurden. In der Moderne ist der Erfolg von Isolations- und Quarantänemaßnahmen fragwürdiger denn je. Selbst in China, das heute wegen seiner rigiden Maßnahmen gegen Corona oft als Vorbild gepriesen wird, griffen die Isolationsmaßnahmen nach Ansicht vieler Virologen zu spät. Eine schnelle Isolation lokal klar eingrenzbarer Seuchenherde ist selbstverständlich sinnvoll. Im globalen Zeitalter sind derart klar eingrenzbare Seuchenherde aber eine seltene Ausnahmeerscheinung.

Prof. Dr. Malte Thießen ist Historiker und leitet das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte.

Prof. Dr. Malte Thießen ist Historiker und leitet das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte. Foto: LWL/Nolte

Gibt es denn noch andere Bekämpfungsstrategien?

Thießen: Sinnvollere politische Maßnahme sind daher eine offensive Aufklärungsarbeit und die Verstärkung gesundheitspolitischer Strukturen. Den Kampf gegen eine Pandemie müssen wir alle führen. Der Erfolg der Seuchenbekämpfung hängt ganz wesentlich von unserem alltäglichen Verhalten ab. Dafür müssen wir gut informiert sein und Handlungsmöglichkeiten kennen. Die Verstärkung gesundheitspolitischer Strukturen ist selbstverständlich jederzeit wichtig, in Seuchenzeiten aber besonders gefragt.

In Ihren wissenschaftlichen Studien beschreiben Sie „Seuchen als Seismograf des Sozialen“. Wie sozial ist der aktuelle Umgang mit dem Coronavirus?

Thießen: Tatsächlich halte ich Seuchen für einen Seismografen des Sozialen, der Erschütterungen der Gesellschaft sichtbar macht. Seuchen sind ein Stresstest für die Gesellschaft. Sie legen soziale Bindekräfte, Verwerfungen und Konflikte offen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt hinterlässt dieser Stresstest einen zwiespältigen Eindruck: Einerseits sind krude Verschwörungstheorien, Hetze gegen Minderheiten als Seuchenherde, aber auch die Hamsterkäufe medizinischer Ressourcen ein Signal für Gefährdungen gesellschaftlichen Zusammenhalts. Andererseits sehen wir gerade im sozialen Nahbereich viele Formen solidarischen und verantwortungsvollen Verhaltens, das uns Mut machen und Vorbild sein sollte: Das Einkaufen für ältere Menschen im Nachbarhaus, die Unterstützung von Pflegekräften und Ärzten oder die umsichtige Selbstisolation potenziell Erkrankter zeigt dann vielleicht doch, dass wir aus der Seuchengeschichte gelernt haben.

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