Psychisch Kranker vor dem Landgericht
Gefährliches Spiel mit dem Feuer

Münster -

Niemand kann für etwas verurteilt werden, was er nicht getan hat – selbst wenn ihm die Tat an sich zuzutrauen wäre. Aber was ist mit einem psychisch Kranken, der vielleicht gefährlich ist? Vor dem Landgericht wird gerade ein solcher Fall verhandelt. Der Anlass: ein Vorfall mit einer brennenden Zigarette.

Mittwoch, 24.02.2021, 21:00 Uhr
Mit einer glühenden Zigarette soll ein psychisch Münsteraner einen Mitbewohner verletzt haben – ein Hinweis darauf dass der Mann noch zu Schlimmerem fähig wäre? Foto: Peter Steffen dpa
Mit einer glühenden Zigarette soll ein psychisch Münsteraner einen Mitbewohner verletzt haben – ein Hinweis darauf dass der Mann noch zu Schlimmerem fähig wäre? Foto: Peter Steffen dpa Foto: Peter Steffen

Ein Mann (42) drückt einem anderen (40) eine brennende Zigarette an den Finger. Absichtlich? Offenbar hat es vorher Zoff gegeben. Nicht schön, wirklich nicht, auch wenn der Finger nach drei Tagen schmerzfrei und inzwischen nichts mehr zu sehen ist. Doch warum landet dieser Fall vor der 9. Großen Strafkammer des Landgerichts?

Es geht um die Person des Angeklagten. Der Mann lebt – wie das Opfer – in der Wohngruppe einer psychiatrischen Einrichtung und leidet an einer „organischen Persönlichkeitsstörung“. An seiner Schuldfähigkeit bestehen Zweifel. Er ist krank. Aber ist er auch gefährlich? Und wenn ja: wie sehr?
Die Frage ist brisant, auch für den Leiter der Gruppe, in der 24 Menschen mit leichter Minder­begabung leben: „Wir sind froh, dass es zur Anzeige gekommen ist.“ Das Team erhofft sich Klarheit, wie es dem Mann gerecht werden kann.

Freundlicher und hilfsbereiter Mitbewohner

Denneinerseits ist er offenbar ein Mitbewohner, wie man ihn sich nur wünschen kann, „ein feiner, netter Kerl“. Er wird als freundlich, hilfsbereit und kommunikativ beschrieben, und in der Werkstatt gilt er sogar als „Leistungsträger“.

Andererseits gehört das Leben in dieser rund um die Uhr betreuten Gruppe zu seiner Bewährungsauflage. Vor Jahren hat er mal eine Prostituierte angegriffen und wurde wegen Bedrohung, Beleidigung und Verbreitung pornografischer Schriften verurteilt. Seine Bewährung endet in Kürze.

Schwer erträgliche Gewaltfantasien

Große Sorgen bereiten vor allem seine Gewaltfantasien. Bei Zimmerkontrollen wurden anstößige Briefe gefunden, die von der Richterin vorgelesen werden. Diese schwer erträglichen Fantasien sind weitaus schlimmer als alles, was er jemals tatsächlich angestellt hat. Es reicht, dass man ihn nicht unbewacht nach draußen lässt. Er selbst meint, er habe seine Fantasien dank seines Therapeuten im Griff. Der Therapeut hingegen sagt, man sei „nicht gut ins Gespräch gekommen“.

Wie geht es weiter? Das soll an den beiden folgenden Verhandlungstagen geklärt werden. Im Raum steht die Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik, weshalb am Landgericht verhandelt werden muss. In seiner bisherigen Gruppe sei der Mann im Prinzip schon gut aufgehoben, meint deren Leiter – allerdings müsste er dort wohl unabsehbar lange bleiben: „Er wird bei uns nicht rausgeschmissen.“

Bei diesen Worten zeigt der Angeklagte die deutlichste Regung: Er nickt zustimmend. Und wirkt erleichtert.

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