Ulrich Rückriem - „Dolomit, zugeschnitten“
Erste Schockwelle traf neun Steine

Münster. Kein Geringerer als Münsters christlicher Philosoph Prof. Dr. Josef Pieper (1904-1997) war es, der am 11. Januar 1977 eine Leserbrief-Debatte entfesselte: Arglos, so schildert es der angesehene und beliebte Gelehrte, sei er mit einem Fakultätskollegen auf die Petrikirche zugeschritten, habe einige Steinblöcke ärgerlich erstaunt bemerkt und als Baustelle gewertet.

Freitag, 02.05.2008, 13:05 Uhr

Ulrich Rückriem - „Dolomit, zugeschnitten“ : Erste Schockwelle traf neun Steine
Die Steine von Rückriem bilden einen Raum zwischen Kirche und Fußweg. Foto: Gerhard Heinrich Kock

Der Thomas-von Aquin-Experte, der sein Philosophieren vom Glauben her begriff, war mit seinem Latein am Ende. Ihm sei noch niemand begegnet, der DAS(!) als Kunstwerk bezeichnet hätte. „Anscheinend bedarf es eines nicht unbeträchtlichen Mutes zur Banalität, um so etwas auch öffentlich zu äußern.“

Das war der Kampfschrei, auf den die gute alte Münster-Seele gewartet hatte: „ein künstlerisches Nichts“, „völlig sinnlose Steinblöcke“. Die „Ehrfurcht vor einem Bauwerk von hohem künstlerischen Rang“ wie die Petrikirche erfordere eine Schutzzone. „Das hat Münster doch wohl nicht nötig, sich dadurch als modern zu erweisen, dass jeder Unfug mitgemacht wird“, empörte sich Tilla Rausch aus Montabaur , um sich sogleich auch darüber zu freuen, dass sie mit „einer so unanfechtbaren Persönlichkeit wie Prof. Josef Pieper “ einer Meinung war.

Der Bildhauer Ulrich Rückriem (Jahrgang 1938) war ob der Reaktionen über seine Arbeit „Dolomit, zugeschnitten“ konsterniert: „Damit wollte ich kein Ärgernis schaffen.“ Er sei „wahnsinnig verwundert“ über die Aggressivität am Ort. Dabei war die Stadt Münster Rückriem wohl vertraut. Und zwar über einen Künstlerkollegen. Rückriem hatte 1969 seinen Wohnsitz nach Mönchengladbach verlegt. Dort bezog er mit dem Beuys-Schüler Peter Heisterkamp, besser bekannt als Blinky Palermo (1943-1977), ein gemeinsames Atelier in einer stillgelegten Fabrikhalle. Als Peter Schwarze war Heisterkamp-Adoptivsohn Blinky 1952 nach Münster gekommen und hatte hier gelebt. Dieser „James Dean der Kunstszene“ kannte also die Stadt aus eigenem Erleben, hat aber seinem Atelierfreund offenbar doch einen falschen Eindruck von der Prozinzmetropole vermittelt.

Rückriem jedenfalls reagierte trotzig auf Münster: „Ich habe für anderthalb Jahre 3000 Mark bekommen. Und wenn ihr meine Arbeit nicht wollt, dann gehen die Wackermänner zurück in den Steinbruch.“
So weit kam es nicht.

Die Steine beziehen sich auf die Architektur der Petrikirche.
Foto: Gerhard H. Kock

 

Zwar bekam Rückriems Dolomit die erste Schockwelle des Widerstands ab, vermutlich weil sie die erste fertiggestellte Arbeit für die „Skulptur 77“ war. „Dolomit“ war dann auch die letzte, die in einem spektakulären Abtransport (vom Fernsehen übertragen) die Stadt verließ. Die neun Steine (aufgebaut im November 1976) wurden im Januar 1981 wieder abgebaut, weil sich zunächst kein Käufer fand. Aber zur „Skulptur 1987“ kehrten die Steine aus dem Besitz eines Privatsammlers im Schwarzwald 1986 in ihre angestammte Heimat zurück. Es gab zu viele, die Sehnsucht nach dem Dolomit bekommen hatten . . .

„Dolomit zugeschnitten“ an der Petrikirche gilt einigen als eine der berühmtesten Arbeiten des Professors an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste, der Kunstakademie Düsseldorf und der Städlschule Frankfurt. Die Arbeit stellt eine der frühesten Lösungen in Europa zur Fragestellung dar, wie Skulptur und Standort wieder auf einander Bezug nehmen können. Die Keile gehen auf die Strebepfeiler und die Jochteilung der Kirche ein. Die Gesamtlänge bildet mit der Distanz zur Kirchenwand ein unsichtbares Quadrat.

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