Giovanni Anselmos „Verkürzter Himmel“ (1987)
Italienische Abkürzung

Münster -

Ein Pfahl in der Landschaft mit philosophischer Botschaft . . .

Montag, 25.07.2016, 18:07 Uhr

 
  Foto: Gerhard H. Kock

Im Hintergrund der Garten des Bischofs, im Vordergrund die theologische Fakultät – es gibt in Münster nur wenige Plätze, die für paradiesische Spekulationen geeigneter wären als diese Stelle am Fußweg entlang der Aa. Giovanni Anselmo hat 1987 einen Pfosten auf die Wiese gestellt, an dem sich achtlos vorbeilaufen lässt. Nur wer achtsam geht, wird stutzig, welchen Nutzen der frei stehende Stahl-Pfahl haben könnte. Es steht drauf: „Verkürzter Himmel“.

Das ist der einzige Hinweis. So ist die Arte Povera, sie will mit wenig Mitteln Großes erreichen, oder um es mit Anselmo (er wird an diesem Sonntag 78 Jahre alt) zu sagen: „Ich wollte das Unendliche menschlicher machen, denn der Himmel beginnt ja nicht in der Stratosphäre, er beginnt hier auf Erden. So habe ich den Himmel um einen Meter verkürzt.“

Ob Skandale oder Vandale – der Stab ist frei von ihnen seit Jahrzehnten. Rostfreier Stahl erleichtert hier sicher die Arbeit der Stadt, der dieses Kunstwerk gehört. Lediglich die Rasenkanten müssen ab und an geschnitten werden. Die blanke Oberfläche muss nicht poliert werden, das machen schon die neugierigen Passanten, die mit ihren Fingern die eingravierten Buchstaben abtasten, als wollten sie den Himmel nicht glauben, der hier anfangen soll.

Dabei wollen diese zehn Quadratzentimeter Himmel genau auf diese Frage verweisen: Wo fängt der Himmel an? Atmosphärisch und theologisch. Ersteres ist einfach: Wo Luft ist, ist auch Himmel. Und theologisch gilt auch für die meisten Religionen die prophetische Einsicht, dass die himmlischen Sphären im Hier und im Jetzt vorhanden sind. Nur wie sie erkennen, das ist das Problem. Damit die Irdischen nicht verzagen, bedeutet diese Skulptur letztlich: Paohl halten für den Himmel.

Da bringt einer den Menschen den Himmel näher, und alle gehen achtlos vorbei. Giovanni Anselmo ist um Gottes willen kein Religionsstifter. Daher kann bei ihm von Erlösung nicht im Geringsten die Rede sein, im besten Falle von der Erkenntnis, dass die Sache mit dem Himmel eine schwierige Sache ist.

Die Initialzündung bekam Anselmo (Jahrgang 1934) 1965 auf dem Stromboli. Bei Tagesanbruch projizierte die Sonne seinen Schatten ins Unendliche. Anselmo verschrieb sich seither dem Ziel, das Immaterielle materiell erfahrbar zu machen und mittels des Sichtbaren das Unsichtbare zu zeigen. Anselmo zählte in den 60-er Jahren neben Paolini, Pistoletto oder Jannis Kounellis zu den typischen Vertretern der „Arte Povera“.

Und ein bisschen Ironie spielt immer mit. Was nützt ein Zehn-Quadratzentimeter-Himmerl auf Erden? Wer den Pfahl besteigt, wird merken, wie schwer es ist, sich im Himmel zu halten.

INFO: 2004 hieß es auf einmal: Der Himmel ist anderthalb Meter zu lang. Denn der „Verkürzte Himmel“ des Konzept-Künstlers und Vertreters der „Arte Povera“, Giovanni Anselmo, ist gestohlen worden. Wie Inge Jachmann vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb auf Anfrage mitteilte, wurde der 140 mal 10 mal 10 Zentimeter große Vierkanteisenbalken von seinem Standort auf der Wiese neben der Theologischen Fakultät, Johannisstraße, bereits im Juli 2003 entwendet.

Heute steht das Kunstwerk wieder am angestammten Platz

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