Richard Tuttle - „Art and Music“
Mauer trennt die Gänsefüßchen

Münster. Es hängt eine Form Richtung Siegelkammer: helles Zeichen auf dunkler Metallplatte. Was ist das? Ohr, Bass-Schlüssel oder ein Komma? Richard Tuttle nannte seine Arbeit "Art and Music" für die Skulptur 1987 zunächst schlicht "Zwei Formen". Aber wieso zwei? Ein Blick um die Ecke hilft weiter. Dort steht noch so ein Haken, nur ohne Platte.

Freitag, 02.05.2008, 14:05 Uhr

Richard Tuttle - „Art and Music“ : Mauer trennt die Gänsefüßchen
Dieses "Mauer-Satzzeichen" befindet sich am Durchgang für Fußgänger zur Philosophischen Fakultät. Foto: Gerhard H. Kock

Jetzt wird alles klar. Hier wurden zwei Gänsefüßchen voneinander getrennt. Wie gemein. Die hätten bestimmt viel zu sagen. . . Aber die Mauer macht aus dem Beistrich-Paar zwei Apostrophen-Single. Das passt. Schließlich bedeutet das griechische Wort apóstrophos abgewandt oder abfallen. Diese Hochkommata sind in Wörtern die Ersatzspieler. Wenn ein Buchstabe wegfällt, springen sie ein.

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Dieses "Mauer-Satzzeichen" befindet sich an der Durchfahrt für Autofahrer zum Markt. Foto: Gerhard H. Kock

Was der Mauer fehlt? Aufmerksamkeit! Liebe! Denn hier geht´s zum Hinterhof von Landesmuseum und Domplatz, hier steht der Müll, hier parken Autos. Und die seltsame Durchfahrt mit Eisengitter ist ohnehin der reine Lückenbüßer.

Möglicherweise steckt aber hier ein Keim der grassierenden Apostrophitis, auch als "Deppenapostroph" bekannt, wie in Trikots und T-Shirts, Zum Glück gibt´s im Internet inzwischen Selbsthilfegruppen: www.apostroph.de (PS: Die Homepage meldete 2016: "Die Apostroph-Gruselgalerie … ist Geschichte. Zwanzig Jahre, davon zehn ohne Veränderung, sind genug.").

Richard Tuttle (Jahrgang 1941) hatte wahrscheinlich völlig andere, weniger profane Ideen. Bereits 1967 reiste der Künstler nach Japan . Durch die Auseinandersetzung mit fernöstlicher Kultur und Philosophie vertritt er eine Metaphysik des Einfachen.

Wegen seiner kargen Materialien und schlichten Formen stecken ihn die Kommoden-Freunde gerne in die Schublade Postminimalismus, aber Tuttle ist eher ein Einzelgänger mit mystischen Ambitionen. Zu seinen weißen Mauer-Klammern zwischen Domplatz 22 und 23 schrieb er 1987: "Sieht man nur die eine, stutzt man vielleicht nur, sieht man dann die zweite, kann sich, so hoffe ich, eine Art platonisches Ideenbild von Balance übertragen."

Dieses Gleichgewicht, dieser Ausgleich ist das Wichtigste: Im Eckstück geht die Energie nach innen, im Plattenstück nach außen. Das ist ein Beitrag, um die Stadt selbst zur Skulptur zu machen, statt die Bürger aufzufordern, in den Park zu kommen und sich Skulpturen anzusehen. Die Energie von der Stadt möge in diese Zeichen eingehen. Wer wollte dem widersprechen?

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