Rémy Zaugg - Magd und Knecht auf altem Platz
Vandalismus-Kritik als Kunst-Idee

Münster. Das ist an Dreistigkeit nicht mehr zu überbieten. Da kommt so ein Künstler dahergelaufen, dazu noch ein gebürtiger Schweizer, und setzt eine Idee um, auf die man auch selber hätte kommen können. Rémy Zaugg setzt die Skulpturen „Knecht mit Pferd“ und „Magd mit Stier“ von Karl H. Bernewitz vom Ludgeriplatz auf den Ludgerikreisel. Fertig ist das Kunstwerk.

Freitag, 02.05.2008, 14:05 Uhr

Rémy Zaugg - Magd und Knecht auf altem Platz : Vandalismus-Kritik als Kunst-Idee
Bis zu den Skulptur-Projekten 1987 standen Ochs und Pferde viele Jahre abseits am Stadthaus II. Zaugg setzte die beiden Werke wieder an ihren Ursprungsort zurück, das Ende der Hammer Straße. Früher fuhr sogar die Straßenbahn zwischen den beiden hindurch. Foto: Gerhard H. Kock

Die "Begeisterung" über die Idee ist so groß, dass sich wie ein Lauffeuer verbreitet, der Künstler wolle zusätzlich zu den 3000 Mark für die temporäre Aufstellung 100 000 Mark für einen Verbleib an der neuen Stelle haben. Ein Gerücht, das wohl auch vom Künstler nicht ungern gesehen wird: „Der Streit ist Bestandteil des Kunstwerks.“ Ein Leserbrief-Schreiber mobilisierte gar die Weisheit des märchenhaften Kalifen Harun al-Raschid: Man solle die Idee des Künstlers einfach mit der Idee eines Honorars bezahlen.

Dabei hätten die Bürger der Stadt eigentlich in Sack und Asche gehen müssen. Stehen die beiden Bronzen doch 1987 in Baugitter eingepfercht, wenige Zentimeter über dem Boden, in der Ecke des Platzes und links vom Eingang am Stadthaus II. Rémy Zaugg kommen sie vor wie eine joviale Dekoration der Verwaltung, „ungefähr so wie ein Gänseblümchen im Knopfloch eines Portiers“. Dabei begrüßt die Stadt die Künstler der Skulptur-Projekte. Aber gleichzeitig demütigt dieselbe Stadt eine Skulptur, die sie bereits besitzt. „Eine paradoxe Situation.“

Zaugg analysiert dieses Phänomen: Diese Form des „Vandalismus der Verwaltung“ sei ein „Reflex von Unkenntnis und Ignoranz“. Ein „Vandalismus der Indifferenz“, diffus und anonym. „Ein Vandalismus ohne Verursacher, aber auch ohne Zeugen.“ Doch Zaugg will Zeuge sein. „Ochs und Pferd“ sind nur noch ein grau-grüner Haufen, der zwischen den Gegenständen, Werkzeugen und Abfällen einer Baustelle steht, auf der zudem noch der Abfall der Stadt herumliegt.

Blank polierter Rücken: Vor allem Fußball-Fans nutzen das Pferd, um Siege zu feiern.
Foto: Gerhard H. Kock

Ursprünglich richtet sich diese 1912 geschaffene, rustikale Skulptur vor allem an die westfälischen Bauern, die in die Stadt kommen. Sie empfängt und ehrt sie. Das Zentrum des Münsterlandes erkennt sich im Umland wieder und bekennt sich dazu. Zu Beginn der 60er Jahre ändert sich das. Der zwei Meter hohe Sockel wird auf knapp 30 Zentimeter reduziert. Von einer zentralen Einfallstraße werden die Identifikationsfiguren in die Ecke geschoben.

Der „Ideen-Künstler“ Zaugg regt allein durch seine Plastiken-Versetzung eine vielstimmige Diskussion über die historische Identität aus. Die Begeisterung ist flächendeckend. Viele nehmen daher in Kauf, dass es sich bei der simplen Umsetzung um Kunst handeln soll. Es gründet sich sogar ein Verein „Ochs & Pferd“ zur Verbesserung des Stadtbildes. Von dem ist allerdings heutzutage nichts mehr zu hören. Dafür erfreuen sich Ochs und Pferd bei Meisterschaften aller Art größter Popularität als besteigbares Denkmal für Triumphposen.

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