Per Kirkeby - Backstein-Skulpturtrio
Vom Sockel gehauen

Münster. Da fehlt doch was. Der demonstrativ in der Mitte des ovalen Kreisverkehrs liegende Backstein-Sockel auf dem Hindenburgplatz schreit geradezu danach, mit etwas bestellt zu werden. Aber was stellt man heutzutage noch auf einen Sockel? Einen Kaiser Wilhelm gibt’s nicht mehr, und eine Kanzlerin bedarf keines Sockels. Des Westfalen liebstes Tier würde hier Platz finden. Wäre Per Kirkeby Pferdezüchter gewesen, der Däne hätte sicher ein Backstein-Pferd draufgesetzt. Aber der gebürtige Kopenhagener (Jahrgang 1938) ist Maler, Bildhauer und Architekt. Und deshalb sind seine Backstein-Skulptur für die „Skulptur ’87“ und die „Bushaltestelle“ von 1997 eher ein Denkmal-Ensemble für die westfälische Architektur.

Freitag, 02.05.2008, 14:05 Uhr

Per Kirkeby - Backstein-Skulpturtrio : Vom Sockel gehauen
1997 schuf Kerkeby eine Mauer mit Bushaltestelle am damaligen Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Foto: Gerhard H. Kock

Drei Objekte, ein Baustoff – wenn das kein Wink mit dem Backstein ist. Münster ist zwar katholisch, aber norddeutsch. Der Backstein bringt es an den Tag. Denn die Wucht und Pracht des süddeutschen Barock hat Westfalen nicht erreicht. Selbst Spätbarock-Baumeister Johann Conrad Schlaun ließ den roten Klinker sichtbar werden. Warum? Erinnerung an die berühmte norddeutsche Backstein-Gotik. Oder eine Reminiszenz an die dänische Baumeister-Vergangenheit Münsters? Das Baugeschehen Westfalens war vor Schlaun von Dänen bestimmt: Peter Pictorius (1626-1685) wurde in Rom im Gefolge der Christine von Schweden katholisch, reiste zum kranken Vater Richtung Norden, blieb in Münster hängen und stieg zum ersten Baumeister auf. Die Galensche Kurie, die am heutigen Landesmuseum Pferdegasse/Ecke Domplatz stand, stammte von ihm. Seine Söhne Gottfried Laurenz (1663-1729) und Peter (1673-1735) schufen Backstein-Klassizismus wie die Landsbergsche Kurie, das heutige Geologisch-Paläontologische Museum.
Erinnert der Däne Per Kirkeby an den Dänen Peter Pictorius?

Wie dem auch sei – der aufrechte Backstein-Quader und die flache Backstein-Platte gehören zusammen, auch wenn sie zwanzig Meter auseinander stehen. Und sie nehmen Bezug zum Verwaltungsgebäude der Universität, das hinter ihnen liegt. Die Sockel-Platte ist so gemauert, dass flache Bögen über dem Grundriss in Form eines griechischen Kreuzes ein Quadrat rahmen. Diese Bögen wiederholen sich in den Blendöffnungen der zweiten, diagonal versetzt stehenden Quader-Skulptur. Deren Grundriss ist wieder ein Quadrat.
Die beiden Roten würde man zu gerne mal aufeinander sehen . . .

1987 setzte Kirkeby seine "Backstein-Skulptur" auf den Schlossplatz.
Foto: Gerhard H. Kock

 

Das verwendete Material ist vom Maler Kirkeby inspiriert. Denn der Backstein ist nicht gleichmäßig perfekt. Der alte „Rotblaubunt-Ziegel“ wurde eigens nach den Vorstellungen des Künstlers in der heimischen Ziegelindustrie für die „Skulptur ’87“ gebrannt. Der Vollstein enthält aufgrund seiner Zusammensetzung und des Brennverfahrens Färbungen von Ziegelrot bis Schwachblau, seine Oberflächen sind geschält, um die erdige Konsistenz des Materials sprechen zu lassen. Der Stein wärmt sich in der Sonne auf und lädt dazu ein, Platz zu nehmen.

Eigentlich wollte Kirkeby 1997 eine kleine Markthalle für Fahrräder vor der Apostelkirche bauen. Doch das Stadtplanungsamt sagte „Nej“ zum Dänen. So entschied er sich für eine „Bushaltestelle“ am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium. Dort gab es bereits eine etwas mehr als hüfthohe Mauer. Auch Kirkeby baute dort eine Mauer. Aber was für eine: Aus vor- und zurückspringenden Modulen schuf er eine 50 Meter lange Wand-Architektur, eine Mauer, die in der Mitte einen offenen dreiseitigen Backsteinbau als Wartehalle bildet. Der zehn Meter lange und drei Meter breite Unterstand im Zentrum der Gesamtanlage hat an den Schmalseiten Fenster und ist mit einem hölzernen Dach gedeckt. Die seitlich von der Mauer gebildeten, zur Schulhofseite offenen Nischen werden durch eine Pergola überdacht. Innen wie außen bilden die Mauermodule Vorsprünge aus, in die Sitzbänke eingelassen sind. War Kirkeby hier mehr Bildhauer oder Architekt? „Kirkeby betreut ein öffentliches Bauvorhaben“, meinte Skulptur-Organisator Dr. Florian Matzner 1997 sibyllinisch. Immerhin waren die Mauermaße so berechnet, dass kein einziger der 45 000 Klinkersteine für den Rohbau beschnitten werden musste – angesichts der vielen Ecken, Vor- und Rücksprünge ein kleines Kunststück.

Die Haltestelle hat inzwischen eine künstlerische Wendung erfahren. Denn an dieser Stelle steigt kein Stein-Schüler mehr ein oder aus. Die sind alle im Neubau in Gievenbeck. Eine Haltestelle für Schulbusse ohne Schüler und ohne Bus, wenn das kein Kunstwerk ist . . .

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