Lothar Baumgarten - "Drei Irrlichter"
Licht in Käfighaltung

Münster. „In unserm Rathaus ist es dunkel!“, stellten die Bürger von Schilda einst fest und überlegten, wie man Licht ins Dunkel bringen könnte. Nun sind Schildbürger vielleicht einfältig, aber nicht untätig. Mit Eimern und Kesseln, Kannen und Töpfen, selbst westfälische Kartoffelsäcke sollen dabei gewesen sein, schleppten sie den Sonnenschein heran – bis zum Untergang. Aber im Rathaus blieb es dunkel wie am Tag zuvor. Da liefen alle traurig wieder ins Freie. Sie hätten in Münster vorbeischauen sollen.

Freitag, 02.05.2008, 14:05 Uhr

Lothar Baumgarten - "Drei Irrlichter" : Licht in Käfighaltung
Schlichte Glühbirnen erinnern an die Seelen der Wiedertäufer, die in den Käfigen von St. Lamberti zur Abschreckung hingen. Foto: Matthias Ahlke

Dort wird Licht in Käfigen gehalten. Und auf dass es ein jeder sehe, hängt es hoch droben am Kirchturm. Drei nackte Glühbirnen funzeln hier bei Dunkelheit vor sich hin. Die Lämpchen haben zwar nichts an, aber trotzdem verhält es sich anders als bei des Kaisers neuen Kleidern. Denn die Käfige hingen ja schon an den Stangen, als Lothar Baumgarten zur „Skulptur’ 87“ kam, und die alten Klamotten mit neuem Leben füllte. Es gilt eben, mehr zu sehen, als die Unschuld eines Kindes zu sehen vermag, mehr als ein unsinniges Licht-Gefängnis.

Mit der Dämmerung beginnen die "Irrlichter" zu leuchten.
Foto: Matthias Ahlke

Die „Drei Irrlichter“ des 1944 in Rheinsberg geborenen und in Düsseldorf sowie Paris lebenden Künstlers richten sich nämlich gegen die Verklärung einer wenig ruhmreicher Stadtgeschichte. Wer fühlt heute noch Abscheu und Grauen, wenn er an den Wahn, das Treiben und Morden der „Wiedertäufer“ denkt? Vielleicht überkommt einen ein Gruselschauer bei der Vorstellung, dass die Leichname der gemarterten Anführer, Jan van Leyden, Berndt Knipperdollinck und Heinrich Krechting, stückweise aus den eisernen Körben am Turm von St. Lamberti herunterfielen.

Jenseits der bizarr morbiden Anekdote mahnen die Käfige (und abends mit Beleuchtung) den Verstand, festen Boden unter den Füßen zu behalten, seinen Verstand nicht in einem utopischen Jerusalem oder irdischen Himmelreich auszuschalten und versumpfen zu lassen. Denn: „Von dem Sumpfe kommen wir“, bekennen die „Irrlichter“ in Goethes Faust. Wenngleich Modder-Sumpf und Moor-Nebel in der Natur selten geworden sind, um den menschlichen Geist wird es wabern bis zum jüngsten Tag. Und so kann es in einem Rathaus schneller dunkel werden, als Schildbürger denken können, da helfen keine Kartoffelsäcke. Vielleicht ab und an ein Blick auf St. Lamberti.

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