Huang Yong Ping
Riesenreifrock sucht Arme

Münster. Es steht ein Ding auf dem Marienplatz. Das Ding ist einzigartig in der Welt – und total gewöhnlich. Es sieht aus wie ein umgedrehter handelsüblicher Feuerkorb für den Garten – ein bisschen zu groß vielleicht. Vor knapp hundert Jahren hätte man eine solche Konstruktion zum Flaschen trocknen benutzt. Heute steht so ein Allerweltsding da und provoziert Fragen.

Für den dauerhaften Erhalt wurden die Terrakotta-Arme gegen Metallarme ausgetauscht.
Foto: Gerhard H. Kock

Freitag, 02.05.2008, 15:05 Uhr

Huang Yong Ping : Riesenreifrock sucht Arme
Hilfereiche Arme recken sich bei Huang Yong Ping in den Himmel, auf dass der Mensch sie nachahme. Foto: Oliver Werner

Eine davon formuliert der in Paris lebende Chinese Huang Yong Ping. Was ist „einzigartig“ und was „gewöhnlich“, und wer legt das fest? Seine Skulptur „100 Arme der Guan-yin“ postuliert die These: Es gibt mehr Übereinstimmung in der Welt, als Skeptiker wahr haben wollen.
Die Idee zu dieser Arbeit bekam Ping, als er die Jesus-Figur von 1929 des münsterischen Bildhauers Heinrich Bäumer in St. Ludgeri sah. Beide Arme dieses Kruzifixes aus dem Triumphbogen wurden beim Bombenangriff am 30. September 1944 zerstört. Anstelle der Glieder steht geschrieben: „Ich habe keine anderen Hände als die Euren.“

Dieser „westliche armlose Jesus“ habe ihm eingegeben, einen tausendarmigen Buddha aus seiner Heimat zu errichten: Guan-yin. Ursprünglich ein Mann wurde dieser Buddha des Mitgefühls durch die Volksfrömmigkeit in China zum Gott mit weiblicher Note. Und mit tausend Armen hilft Guan-yin, wo immer sie kann. Chinesische Künstler erkannten in den Madonnen der Jesuiten-Missionare im 16. Jahrhundert ihre Göttin und bildeten diese Figuren nach.

In den Händen halten die Arme symbolische Gegenstände das Alltags und des religiösen Kults.
Foto: Gerhard H. Kock

Huang Yong Ping sah im Flaschentrockner die vielen Arme der Erleuchteten. Und zugleich die Möglichkeit, etwas über „Einzigartigkeit“ auszudrücken. Der Kunst-Revoluzzer Marcel Duchamp (1887-1968) kaufte 1914 in einem Pariser Kaufhaus einen Flaschentrockner und signierte ihn. Dadurch wurde dieser Trockner der Masse entrissen und einzigartig. Jene Geste Duchamps wird als die Geburt der Konzeptkunst betrachtet. Die Verhüllung des Reichstages durch Christo steht in dieser Tradition: Durchs Verhüllen wird Gewöhnliches wirklich sichtbar.

Es kommt noch seltsamer. Der Ur-Flaschentrockner ist verschollen, wurde nie ausgestellt oder fotografiert. 1921 signierte Duchamp ein zweites Exemplar mit dem schelmischen Zusatz „Antique“. Nichtsdestotrotz ist dieses Objekt als erstes „Ready-made“ (Konfektionsware) zu einem der berühmtesten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts geworden, „das man nicht einmal mehr anschaut, von dem man aber weiß, dass es existiert,“ wie der Dadaist Duchamp pointiert formulierte.

Huang Yong Ping (Jahrgang 1954) hat in der Trockner-Form die 100 Arme der Guan-yin gesehen. Statt Flaschen wurden zur „Skulptur ’97“ Abgüsse von drei Armformen angebracht, die der Künstler modellierte. Die von der Guan-yin normalerweise in den Händen gehaltenen Kultgeräte mit religiöser Bedeutung wie Glöckchen, Zepter, Bogen, Pfeil, Schwert, Rad oder Siegel tauschte Ping gegen vorgefundene Objekte (objet trouvé) aus, Gebrauchsgegenstände wie Vasen und Fächer, Krückstock und Grubenlampe, Regenschirm und Reisigbesen. Dadurch wurde Gewöhnliches zum Kunstwerk.

Lange Zeit allerdings haperte es mit der Einzigartigkeit. Skulptur und Kruxifix hatten mehr gemein als Künstler und Publikum lieb ist. Wie dem Kreuz-Corpus in St. Ludgeri fehlen viele Jahre lang auch der Guan-yin die Arme. Beide teilten ein Schicksal. Wobei es die Kunst härter traf, denn schließlich hat Christus noch die vielen Arme der Gläubigen . . .
Aber vor den Skulptur-Projekten 2007 reiste der Künstler selbst noch einmal nach Münster und ergänzte das Gestell wieder um die Arme - diesmal nicht aus Terrakotta, sondern aus Metall . Solche Arme "helfen" länger . . .

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