Richard Serra - Dialogue with Johann Conrad Schlaun
Drei Versuche für Münster

Münster. Die Germanen nannten kühne, mächtige und starke Männer Richard. Genau der passende Vorname für den US-amerikanischen Künstler Serra. Drei Mal hat der Recke für Münster Stahl gekocht. Und nie hat es Münster geschmeckt.

Freitag, 02.05.2008, 15:05 Uhr

Richard Serra - Dialogue with Johann Conrad Schlaun : Drei Versuche für Münster
An der Zufahrt zum Haus Rüschhaus verneigen sich 40 Tonnen Stahl für dem Architekten Schlaun. Foto: Gerhard H. Kock

Münster / Serra “, die Erste: Am 13. Juni 1977 wurden pünktlich zur ersten „Skulptur“ seine zwei paarweise angeordneten Cortenstahlwände von der Größe 13,40 mal 2,08 mal 3 Meter auf dem Hindenburgplatz gegenüber dem H1 aufgestellt. Und was machten die Münsteraner? Drinnen Pippi, und draußen schrieben sie „D“ und „H“ drauf. Verhöhnung pur. Da ging es seinem berüchtigten „Terminal“ für die Documenta VI (1977) in Kassel ein bisschen besser. Das „Wahrzeichen“ dieser documenta wurde nach langen Verhandlungen und heftigen Protesten von der Stadt Bochum erworben und 1979 schließlich vorm Hauptbahnhof installiert.

„Münster/Serra“, die Zweite: Für die „Skulptur ’87“ ließ sich Serra etwas wahrhaft Geniales einfallen: „Trunk – Johann Conrad Schlaun Recomposed“. Erstens widmete er seine zweiteilige Skulptur aus Cortenstahl dem beliebten „Volks-Architekten“ Schlaun. Und zweitens befanden sich die beiden 4,25 mal 5,90 Meter großen gegenüberstehenden Metallplatten im Ehrenhof des Erbdrostenhofes auf der Salzstraße – und damit vor Sprayern aller Art sicher hinter Zäunen. Trotzdem wurde der Trunk mit Schmährufen beworfen. Serras H1-Toiletten waren im lokalen öffentlichen Bewusstsein noch sehr präsent.

Dabei hat Serra selten eine derart elegante und stimmige Komposition geschaffen, wie diesen „Trunk“. Serras Plastik stellt auf die geometrisch einfachste Weise Schlauns meisterhafte Proportionskunst, das Wechselspiel von Kompositionslinien und Proportionsmaßen dar. Der Bogen entsprach genau dem des Mitteltrakts, aber in die Achse gekehrt, und die Höhe reichte genau an die Unterkante der Balkone. Es half alles nichts. Was die vielen Leserbriefe auslöste, war das Material. 24 Tonnen Stahl - trotz aller Eleganz strahlten sie eine massive Bedrohung aus. Der „Poet der Schwerindustrie“ scheiterte am Schreibtisch Westfalens. Nach dem Abbau am 4. Oktober 1987 wurde 1988 ein unpassender Standort in St. Gallen gefunden.

„Münster/Serra“, die Dritte: Wieder versuchte es Richard Serra mit dem Barockbaumeister. Wieder mit einem „Dialogue with Johann Conrad Schlaun“. Für Haus Rüschhaus wurde in der Henrichshütte Hattingen im Dezember 1996 ein Stahlkubus gegossen, geschmiedet und noch im gleichen Monat in der Allee-Einfahrt aufgestellt. Der massive, wetterfeste Quader in den Abmessungen von 2 Meter Höhe mal 1,50 Meter Breite und Tiefe wiegt 40 Tonnen und wurde um sieben Grad Richtung Rüschhaus gekippt. Er neigt sich quasi dem Hauptgebäude des bäuerlich-barocken Adelssitzes zu. Der Dialog mit dem Schlaun-Gebäude wird nicht allein durch diese Zu-Neigung gezeigt. Auch die Abmessungen des Kubus korrespondieren mit den Maßen des Gebäudes. Das zentrale Einfahrtstor hat in seinen beiden unteren Flügeln jeweils die Abmessungen von 2 Meter Höhe mal 1,5 Meter Breite. Der direkt am Ende der Zufahrt-Allee fast schüchtern sich beugende Koloss übernimmt also dessen harmonische Maße im 3:4-Verhältnis. Richard Serra hat offensichtlich Konsequenzen aus seinen leidvollen Erfahrungen mit den Münsteranern gezogen: „Um nicht störend in den malerischen Charakter dieses Ensembles einzugreifen, habe ich mein Werk dieses Mal, anders als bei meinem seinerzeitigen Konzept im Vorhof des Erbdrostenhofes in Münster, welcher vom gleichen Architekten stammt, zwar auf Details der Architektur in Form von Abmessungen bezogen, jedoch in einem erheblichen Abstand antipodisch platziert.“

Der Quader ist in der Allee zum Haus Rüschhaus so platziert, dass er mit dem weißene Eingangstor des Wohnhauses korrespondiert.
Foto: Gerhard H. Kock

Weit weg also, aber nicht weit genug, als dass die Busladungen von Touristen nicht mit ansehen müssen, wie der Rost ständig beschmiert wird. Ende Juli 1999 war er über Nacht komplett weiß angestrichen worden, sozusagen als „White Cube“, als Protest gegen ausgestellte Kunst in den meist weißen heiligen Hallen der Museen? Wohl kaum. Eher aus Unverständnis.

Darüber hatte sich Serra, der Kühne, Mächtige und Starke, bereits 1977 grundlegende Gedanken gemacht: „Es gibt keine etablierten Muster oder zu erwartenden Regungen des Publikumsbewusstseins. Der beobachtete Tatbestand und das Erlebnis des Werkes sind nicht identisch mit der ihm zugrunde liegenden Vorstellung von seiner Machart.“

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