Silke Wagner - "Münsters Geschichte von unten"
Paul Wulf bleibt standhaft

Münster. Mit seiner etwas zu großen Brille und den abstehenden Ohren sieht der Mann irgendwie lustig aus. Aber die Geschichte des Paul Wulf, der als überlebensgroße Skulptur vor dem Stadthaus steht, hat so gar nichts Lustiges: Als Heimkind wurde er 1932 in eine Anstalt für Geisteskranke verlegt.

Dienstag, 10.07.2007, 12:07 Uhr

Silke Wagner - "Münsters Geschichte von unten" : Paul Wulf bleibt standhaft
Auf dem Litfaßsäule wird regelmäßig mit politischen und historischen Plakaten informiert. Foto: Gerhard H. Kock

1937 stellten seine Eltern einen Entlassungsantrag. Der Anstaltsleiter, so liest man auf der Internetseite, die zum Projekt gehört, teilte ihnen mit, dass dem Antrag aufgrund von Pauls angeborenem Schwachsinn nur in Verbindung mit der Sterilisation zugestimmt werden könne. Um Paul vor der Vergasung zu retten, stimmten seine Eltern zu. Während am 12. März 1938 im Operationssaal aus Volksempfängern das „Sieg heil!“-Gegröle zum „Anschluss“ Österreichs dröhnte, wurde Paul im Paderborner Landeskrankenhaus zwangssterilisiert.

Nach dem Krieg führte er Prozesse, um Gerechtigkeit zu finden. Dabei wurde zwar der These des „angeborenen Schwachsinns“ widersprochen – aber eine Entschädigung bekam er nicht, erst 1979 wurde ihm eine Erwerbsunfähigkeitsrente zugesprochen. Durch die Hartnäckigkeit allerdings, mit der er seine Sache verfocht, machte sich Paul Wulf zum Sprecher für all seine Leidensgenossen. Der überzeugte Antifaschist, der den kommunistischen Gruppen gegenüber, die ihm zu hierarchisch waren, auf Distanz blieb, starb 1999. Er war ein linker Einzelkämpfer, der Dokumente über die NS-Zeit sammelte und Ausstellungen organisierte.

Gelegentlich finden am Wulf-Denkmal auch poltische Kundgebungen statt.
Foto: Gerhard H. Kock

Die Künstlerin Silke Wagner hatte bislang mit Skulpturen wenig am Hut. Nun hat sie eine Betonskulptur schaffen lassen, die allerdings nur ein Teil ihres Beitrags zu den Skulptur-Projekten ist. Denn die Statue ist zwischen den Füßen und dem Kopf des Paul Wulf eine Litfaßsäule, die 2007 in regelmäßigen Abständen mit anderen Dokumenten beklebt wird. Wagners Arbeiten „deuten explizit auf soziale, politische oder ökologische Missstände“, heißt es bei den Skulptur-Projekten, „in Kooperation mit minoritären Gruppen initiiert Wagner Aktionen zur Hervorhebung, öffentlichen Verhandlung und aktiven Veränderung dieser Situationen und Fragestellungen.“ Was nichts anderes bedeutet als: Silke Wagner ist eine Künstlerin der politischen Aktion. In einer Welt der Kunst, die alles umfasst, was ein Künstler anfasst, nimmt sie den politischen Leitartikel und die Dokumentation in die Sphäre der Kunst auf.

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