Kühl klingendes Glockengeläut von Cerith Wyn Evans in St. Stephanus
Glauben oder nicht glauben

Münster -

Cerith Wyn Evans schickt den Verstand dorthin, wo es besonders spannend ist, auf ein schmales Seil, an die Grenze von Geduld und Glauben. Der britische Künstler schickt die Menschen zur Kirche.

Samstag, 01.07.2017, 10:07 Uhr

Oben im Glockenturm hängen drei Glocken, die zum Skulptur-Projekt geworden sind. Menschen aus aller Welt lauschen, ob sie wie im Winter klingen.
Oben im Glockenturm hängen drei Glocken, die zum Skulptur-Projekt geworden sind. Menschen aus aller Welt lauschen, ob sie wie im Winter klingen. Foto: Gerhard H. Kock

Der Apostel Thomas ist im Grunde der kritische Intellektuelle unter den Jüngern. Nix glauben, bevor man es nicht selbst gesehen und erkannt hat. Thomas könnte der Schutzheilige der Skulptur-Projekte sein. Denn dieses Ausstellungsformat will keine frömmelnde Andacht vor Picasso und Moore, keine Anbetung im Tempel der Kunst und sei er noch so neu und weiß und schön: Die Skulptur-Projekte wollen Freude am kritischen Geist lebendig halten, die Balance zwischen blinder Begeisterung und ignoranter Ablehnung üben lassen. Cerith Wyn Evans schickt den Verstand dorthin, wo es besonders spannend ist, auf ein schmales Seil, an die Grenze von Geduld und Glauben. Der britische Künstler schickt die Menschen zur Kirche.

Dort stehen die Gläubigen und Ungläubigen nun, blicken gen Himmel und lauschen. Und was hören sie? Glockengeläut. Ein besonderes Glockengeläut. Der britische Künstler hat eine der drei Glocken im Turm der Stephanuskirche herunterkühlen lassen – die Nummer Zwei, ihr Name: „Engel des Herrn“. Dadurch erklingt die Glocke etwas höher. Wie zur kalten Jahreszeit eben – dem Winter. Ein Kühlaggregat sorgt physikalisch bedingt für einen minimalen Unterschied. So wird es in den Büchern der Kunst verkündet: Katalog, Führer, App.

Doch das hilft einem Thomas wenig. Dass dort oben ein funktionierendes Kühlaggregat steht, sollte man besser glauben. Denn wer dies nachprüfen will, muss nicht nur den Turm durch eine innenliegende Feuerleiter auf fußbreiten Stahlstreben hinaufsteigen. An dessen Ende gilt es, eine kleine Leiter in die Hand zu nehmen, den Turm zu verlassen, auf das schräge Dach zu steigen, um die Leiter an den Aufbau zu lehnen, um an und in den Glockenraum zu gelangen. Nichts für Menschen ohne Gottvertrauen, zehn Schutzengel und jugendliche Unbekümmertheit.

Es gibt nur einen Zeugen für jene wunderbare Tat. Jan Bockholt vom Landesmuseum bezeugt und versichert, dass er das Aggregat dort oben hingestellt hat.

Wie seinerzeit die Jünger dem abwesenden Glaubensbruder Thomas die frohe Botschaft versicherten. Doch der glaubte bekanntlich nicht den Zeugen. Er wollte selbst Hand anlegen. Prüfen, testen, verifizieren, ob es wirklich jener gekreuzigte Jesus war, den sie erlebt zu haben meinten. Später erscheint Christus der Gemeinschaft sowie dem Thomas und zeigt ihm die Male seines Leidens, fordert ihn auf, seine Finger in die Wunde zu legen. Aber er testet nicht das Leiden Jesu mit seinen Fingern. Thomas sieht und glaubt. Das Sehen ist hier weniger als optischer Eindruck, sondern eher im Sinne einer Einsicht, einer Erkenntnis gemeint.

Diese Einsicht hat eine Schönheit, die am Glockenturm von St. Stephanus spürbar wird. Die Einsicht, dass kultivierter Glauben die Möglichkeiten der Sinne erweitert und übersteigt. Wer hier nicht an den höheren Klang der Glocke glaubt, wird beim Geläut Unmut spüren, Enttäuschung vielleicht. Vertane Zeit. Wer indes davon ausgeht, dass der Künstler, das Museum, überhaupt alle Mitwirkenden an diesem Projekt guten Willens sind, dem eröffnet sich die innere Erfahrung einer Unmöglichkeit: Er kann im Sommer hören, wie das Geläut im Winter klingt. Das ist irgendetwas zwischen erfrischend albern und bezaubernd poetisch. Ist das logisch? Nein. Das Ohr kann nicht im Winter und Sommer zugleich sein. Es gibt für die Sinne nur eine Dimension: das Hier und das Jetzt. Der Rest ist Vorstellung und Zweifel seit Anbeginn des Denkens.

Dieser Zustand erinnert an Koans. Diese rätselhaften Anekdoten dienen praktizierenden Buddhisten als Übung zur tieferen Einsicht. Lehrer: „Das Auge, mit dem ich Gott erblicke, ist genau das gleiche Auge, mit dem Gott mich erblickt.“ Schüler: „Zeige mir dieses Auge!“ Oder: Wie klingt das Klatschen einer Hand?

Es ist die Grenze von Wissen und Glauben, die uns auf das Irdische verweist. Und an unseren Grenzen wachsen wir. Auch wenn die Begrenztheit uns kränkt. Aber an der sokratischen Einsicht, dass wir ausschließlich als Nichtwissende wissen, rackert sich das Hirn trotzdem seit Jahrtausenden ab. Schließlich ist es sein Job, sich eine Vorstellung von der Welt zu machen, und zu behaupten, diese Vorstellung sei die Welt. Die Welt ist zu groß für das kleine Hirn, auch wenn es ein Großhirn ist. Ein Hirn, das sich einbildet, die wirkliche Welt zu sein, ist gefährlich. Da ist es wichtig zu üben, dass wir glauben.

Wyn Evans lädt dazu ein, dem Zweifel, dem Glauben und der Grenze nachzuspüren. Was fühle ich, was denke ich, wenn die Glocke läutet? Wie verändert sich das Hören, wenn ich glaube, glaube, dass die Glocke gekühlt wird, glaube, dass sie höher klingt als im Winter? Im besten Fall werde ich sehen, im Sinne von erkennen, dass Glauben die Wahrnehmung verbessert. Das gilt für Glocken ebenso wie für Menschen. Wenn ich glaube, dass Menschen im Grunde gut sein wollen, werde ich ihr Verhalten anders wahrnehmen. Und meine Wahrnehmung wird die Menschen verändern. So wie mein Glaube den Klang der Glocke verändert.

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Zu hören ist der Glockenklang von St. Stephanus um 8, 12, 16 und 19 Uhr.

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