Nairy Baghramians Skulptur „Beliebte Stellen / Privileged Points“ am Erbdrostenhof
Ein Wurm harrt der Vollendung

Münster -

Fleißige Gartenarbeiter wissen es: Beim Umgraben mit dem Spaten kann es schon mal passieren, dass man einen Regenwurm zerteilt. Ähnliches könnte sich vor dem Erbdrostenhof ereignet haben: In drei Teilen schlängelt sich da ein riesiges, Wurm-ähnliches Gebilde auf dem Platz. Saubere Schnittkanten lassen erkennen, dass die einzelnen Elemente dieser Skulptur von Nairy Bagh­ramian aus Bronze gefertigt und blau lackiert wurden. Stützen wie aus einem Dalí-Gemälde richten die Wurmteile auf. Ein wuchtiges Werk.

Montag, 10.07.2017, 18:07 Uhr

Auf der Vorderseite des Erbdrostenhofes findet der Besucher blaue Wurm-Elemente.
Auf der Vorderseite des Erbdrostenhofes findet der Besucher blaue Wurm-Elemente. Foto: Oliver Werner

Doch das ist nur die halbe Kunst. Auf der Rückseite des Erbdrostenhofs finden sich gehäuft mehrere vergleichbare Gebilde: Sechs weiße Wurm-Elemente liegen da scheinbar durcheinander herum, sie könnten zu zwei dreiteiligen Gebilden nach dem Modell des blauen Riesen zusammengefügt werden. Was zwangsläufig zu der Frage führt: Wurde da tatsächlich etwas durchschnitten, oder sind nicht vielmehr die Elemente zur späteren Zusammenfügung vorgesehen?

An diesem Punkt führt die Anschauung nicht weiter. Was also sagt der Katalog? Der weist zugleich mit dem eigenartigen Werktitel „Beliebte Stellen“ auf die Skulptur-Projekte-Tradition an dieser Stelle in der Innenstadt hin, vor allem auf den Aufruhr, den einst Richard Serras gewaltiger „Trunk“ verursachte. „ Baghramian antizipiert mit ihrem Werk das kulturpolitische Davor und Danach sowie die behauptete Ortsspezifität der vorangegangen Setzungen, die vor allem im Werk von Serra eine zentrale Rolle spielt“, heißt es dort hübsch kompliziert.

Man mag sich erinnern: Serra, dessen geneigter Kubus als Schlaun-Huldigung am Rüschhaus nach wie vor zu besichtigen ist, hatte dem Erbdrostenhof im Jahr 1987 mit dem Werk „Trunk, J. Conrad Schlaun Recomposed“ zwei große gebogene Stahlplatten vor-gestellt, die die spezielle Rundung der Schlaun-Architektur aufgriffen, die Sichtachse auf das Gebäude akzentuierten und auf die Höhe der Geschosse Bezug nahmen. Doch so stimmig das Konzept, so unbeliebt das Werk: 24 Tonnen Stahl im Ehrenhof, die noch dazu den freien Blick auf den Erbdrostenhof versperrten: Das gefiel vielen Betrachtern ganz und gar nicht. Die Skulptur wurde wieder entfernt und fand einen als „unpassend“ bezeichneten Platz in St. Gallen.

Was das mit Nairy Baghramian zu tun hat? „Erst nach der aktuellen Ausstellung“, verrät der Katalog, „im Fall eines Ankaufs der Arbeit, sollen die Einzelteile ihrer zunächst provisorischen Skulptur verschweißt und das Werk vollendet werden.“ Was im Prinzip erklärt, dass wir es nicht, banal gesprochen, mit der Skulptur eines zerteilten Wurms zu tun haben, sondern mit der aus Teilen bestehenden Skulptur des ganzen Wurms, die ihrer Vollendung harrt.

Aus den physikalischen Gegebenheiten mag sich die Struktur erklären, denn „die im Durchschnitt circa fünf Meter messende offene Kreisform ist genau von den Objektmaßen unterbrochen, mit denen im Bronzegussverfahren ein optimales Ergebnis zu erzielen ist“, lesen wir. Vor dem Erbdrostenhof sieht man demnach die größtmögliche Skulptur dieser von Baghramian gewählten Form, die aus drei Teilen zusammensetzbar ist – und hinter dem Gebäude die Baustelle für weitere Formen. Wer Fauna und Flora mit ihr assoziiert (Wurm? Schlingpflanze?), macht sicherlich nichts falsch. Und wer sich an Serras „Trunk“ erinnert, erkennt den Bezug in der Kreis-Bewegung. Der Rest ist Abwarten.

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