John Knights Wasserwaage am Landesmuseum
Ein gutes Stück Kunst am Bau

Münster -

Manche Passanten laufen mit der Karte unruhig hin und her, fragen nach der Wasserwaage am markanten „Hammerkopf“ des Westfälischen Landesmuseums. Dabei ist das überdimensionale Standard-Werkzeug an der Sandstein-Außenkante eigentlich nicht zu übersehen.

Montag, 24.07.2017, 21:07 Uhr

Die Wasserwaage von John Knight ziert die Spitze des Neubau des Landesmuseums.
Die Wasserwaage von John Knight ziert die Spitze des Neubaus des Landesmuseums. Foto: Gerhard H. Kock

Manche Passanten laufen mit der Karte unruhig hin und her, fragen nach der Wasserwaage am markanten „Hammerkopf“ des Westfälischen Landesmuseums. Dabei ist das überdimensionale Standard-Werkzeug an der Sandstein-Außenkante eigentlich nicht zu übersehen. Aber es wirkt derart verbunden mit seinem „Wirt“, dass der Besucher denkt, dieses Kunstwerk sei schon immer dort verankert gewesen. So wie auf der anderen Seite Otto Pienes „Silberne Frequenz“, die der Passant – vielleicht aufgrund der langjährigen Gewöhnung – auch nicht mehr so aufmerksam wahrnimmt.

Die erste Überlegung des Kunstfreundes gilt nun der Frage, ob diese Wasserwaage wohl so aussieht wie jene, die man zu Hause im Keller liegen und vielleicht sogar vor Kurzem noch beim Verlegen von Fliesen oder gar Terrassenplatten benutzt hat. Und siehe da: Auch im Kreis der kulturell tiefsinniger veranlagten Redaktionskollegen entsteht eine heftige Debatte darüber, wie eine Wasserwaage denn eigentlich auszusehen hat. Verfügt sie nun über zwei oder drei „Sichtfenster“ – die in der Fachsprache übrigens „Libellen“ genannt werden?

Relativ schnell entspinnt sich dann ein Disput darüber, dass die „normale“ Wasserwaage zwei Libellen hat. Eine auf der schmalen Seite und eine versetzt auf der breiten Seite. Bei zwei Libellen, so steht es gar bei Wikipedia, sind diese senkrecht zueinander so eingebaut, dass man sowohl die Horizontale als auch die Vertikale überprüfen kann. Aber siehe da: Es gibt auch Wasserwaagen mit drei Libellen; die dritte Libelle ist dann für das Prüfen der 2-Grad-Neigung (Gefälle von Abwasserrohren) oder 45-Grad-Neigung vorgesehen. Und nun wird es noch komplizierter: Auch drehbare Libellen, die sich nach einer Skala auf bestimmte Werte einstellen lassen, sind für manche Wasserwaagen nicht unüblich.

Bei genauer Betrachtung nun sieht der geneigte Skulptur-Projekte-Gast eine Art Stahlträger, der einer Eisenbahnschiene nicht unähnlich ist. Die quer zur Sandsteinkante angebrachten Libellen zeigen die Luftblase, die in ihrer mittigen Position korrekt anzeigt, dass die Wand im Lot ist. Die mittige, vertikale Libelle zeigt keine Wasserblase an, denn die muss ja logischerweise nach oben verschwunden sein. Frage: Sind die Luftblasen überhaupt wichtig oder nebensächlich?

John Knight hat sich jedenfalls am Fuß der großen Wasserwaage mit seinen Initialen verewigt. Was will er uns damit sagen? Nimmt er Bezug auf das LWL-Logo im Piene-Kunstwerk auf der anderen Museumsseite? Wir wissen es nicht. Der graue Katalog der Skulptur-Projekte mit der verquast-intellektuellen Sprache jedenfalls spricht dieses Thema an und zugleich von einem Signet, einem „Branding“, einer Marke, die der Künstler bei seinen Kunstwerken verwendet. Schön und gut.

Schön und gut ist es auch, dass die Wand des Museums offenbar wirklich gerade ist. Aber wollte Knight das zeigen? Oder ist das eher prosaisch wirkende Handwerkszeug einfach nur ein Gegenpol zur hohen Kunst, die uns im und am Museum entgegentritt? Dort, in den hohen Räumen das angeblich zweckfreie künstlerische Gut in Form der Brabender-Skulpturen in der Spitze des Museums (die man freilich nicht so ohne weiteres von außen sieht), hier an der Außenwand das schlichte Handwerkszeug?

Lesen wir einmal, was der Katalog der Skulpturausstellung in gespreiztem Soziologen-Sprech dazu zu sagen hat: „In Distanznahme zur Selbstbezüglichkeit von Werken der Minimal Art konzipiert Knight seit den späten 1960er Jahren Projekte, die der unbedingten Zweckfreiheit von Kunst zu widersprechen scheinen. Es sind messerscharf formulierte Instrumente einer Institutionskritik, die ihre eigene Verortung innerhalb des politischen Mikrokosmos des Kunstbetriebs darstellen und diesen zugleich zur gesellschaftspolitischen Realität zu öffnen suchen.“ Begriffen? Nein?

Dann formulieren wir das doch einfach so: Hier die Kunst, dort das Handwerk. Hier der künstlerische Raum, dort die raue Wirklichkeit. Dort das fein vollendete Kunstwerk, hier das Handwerkszeug. Klingt das zu simpel? Wohl kaum. Nähert man sich nun einmal der Ästhetik des Kunstwerks, so geht es, zumal es in Funktion und Form Bekanntes vermittelt, eine feine, zu keiner Zeit aufdringliche Symbiose mit der sonst eher eintönigen Fassade oder vielmehr Sandsteinkante des Westfälischen Landesmuseums ein. So gesehen, ist diese Kunst am Bau, die dem neuen Haus am Domplatz einen neuen, durchaus fein geformten optischen Reiz und sogar eine willkommene Unterbrechung verleiht, eines der gelungeneren Skulptur-Projekte der Saison 2017. Man könnte sich sogar vorstellen, dass Münsters Krämer oder der Freundeskreis des Landesmuseums geneigt sein könnten, diese Wasserwaage am Landesmuseum zu kaufen und sie dort für die nächsten 50, 60 Jahre zu belassen.

Piene im Süden, Knight im Norden. Das wäre doch was . . .

Zum Thema

Die Westfälischen Nachrichten stellen in den nächsten Wochen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

...
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5033743?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F70624%2F4000067%2F
Erster Stammtisch für Wilsberg-Fans
Für Münster fast schon Routine
Nachrichten-Ticker