In Mika Rottenbergs Kino im Asia-Laden läuft ein Horrorfilm über Globalisierung
In der knallbunten Hölle

Münster -

Die Gartenstraße Nummer 29 war schon immer ein Ort irgendwo in Fernost – voll chinesischer Zutaten. In diesem Sommer treffen sich dort zudem Mexiko und die USA.

Freitag, 28.07.2017, 10:07 Uhr

Im Asia-Laden am Gefängnis wird ein Film gezeigt (kleine Bilder), in dem auf magische Weise Globalisierung mit seinen Skurrilitäten und Brutalitäten vermittelt wird.
Im Asia-Laden am Gefängnis wird ein Film gezeigt (kleine Bilder), in dem auf magische Weise Globalisierung mit seinen Skurrilitäten und Brutalitäten vermittelt wird. Foto: Gerhard H. Kock

Die Gartenstraße Nummer 29 war schon immer ein Ort irgendwo in Fernost – voll chinesischer Zutaten. In diesem Sommer treffen sich dort zudem Mexiko und die USA. Im Hinterzimmer des vor einigen Jahren geschlossenen Asia-Ladens gleich gegenüber dem geräumten Gefängnis konzentriert sich die globalisierte Welt und dies sehr bunt, aber nicht immer schön.

In den Regalen des Ladens, der zu seinen Betriebszeiten nicht immer durch übertriebene Hygiene auffiel, liegen, so sieht jedenfalls aus, noch Reste des Sortiments. Auch sie bonbonbunter Fernost-Billig-Kitsch, aufgeblasene Schwimmringe, Gewürze, Konserven, Berge von Glitzergirlanden. Oben auf den Regalen – und das gab es hier sicher früher nicht – thronen große Eimer mit „Emergency Food“, Verpflegung für Notleidende in Katastrophengebieten.

Angeordnet hat dieses Sammelsurium die 1976 geborene Künstlerin Mika Rottenberg , selbst ein Kind der globalisierten Welt. Geboren in Argentinien, aufgewachsen in Israel, ausgebildet zur Künstlerin in den USA, als solche tätig überall. Rottenbergs Skulptur-Projekt vollendet der 30 Minuten dauernde Film, der im als kleines Kino umgebauten Hinterzimmer des Asia-Ladens in Endlos-Schleife läuft. Der Weg durch den Laden mit seinen Hunderten von Sachen in den Regalen ist das Vorprogramm zur Haupt-Vorstellung.

Das Video mit dem Titel „Cosmic Generator“ heißt die Zuschauer willkommen in Mexicali (Mexiko) und Calexico (USA) – zwei Städte, getrennt durch einen martialischen Grenzzaun, die von US-Präsident Donald viel beschworene Mauer, und verbunden durch ein mit Gleisen ausgestattetes Tunnelsystem, dessen Befahren bei Zuschauern bisweilen die flaue Übelkeit einer Jahrmarkts-Achterbahnfahrt aufsteigen lässt.

Das China-Restaurant „Golden Dragon“ in Mexicali ist ein Ort seltsamer Vorkommnisse: Unter Servierglocken räkeln sich auf den Speisen überraschenderweise vier identische, korpulente, ältere, weiße Herren in schwarzen Anzügen auf Koriander-Blättchen; auf einem anderen Teller liegen bärtige Öko-Typen im Teigmantel-Kostüm – alles im Miniaturformat. Und der Blick unter die Speiseglocke gibt den Weg frei für eine psychedelische Fahrt in besagtes, knallbunt ausgeleuchtetes Tunnelsystems, das die realen Drehorte des Films übrigens zum Zweck des Drogenschmuggels verbindet.

Der Ort jenseits der Grenze, ein mit Ramsch vollgestopfter 99-Cent-Store im US-amerikanischen Calexico, ist alles andere als ein Sehnsuchtsort. Verbunden durch Luft- und Wasserschläuche im Tunnel sind aber auch die viele tausend Kilometer entfernten Menschen im chinesischen „Ywu Market“: Frauen eingezwängt in kleinste Ladenkabinen, vollgepfropft mit Plastik-Kitsch und grell blinkendem Spielzeug. Niemals kommt ein Kunde, jeder hier sitzt mutterseelenallein im Gefängnis seiner meterhoch gestapelten Billigwaren aus der Massenproduktion. Kommuniziert wird nur stumm, per Handy, aber nicht mit den gleich hinter der nächsten dünnen Wand sitzenden Schicksalsgenossinnen. Manche Marktleute schlafen, und dann ist ihr Weg frei für Träume, die so bunt, global und verstörend sind wie die Bilder, die Rottenberg in der realen Welt dieses Marktes gefilmt hat.

Auch Passanten, die in Mexicali gleich neben dem Grenzzaun den Blick in die Töpfe eines Imbisswagens werfen, schauen in eine Traumwelt, der Ausdruck der meist zerfurchten Gesichter ist nicht erschrocken, eher überrascht und manchmal auch ein bisschen amüsiert. Die filmische Reise durch diese knallbunte Hölle der Globalisierung ist ein Horrortrip ohne Blut und Geschrei, aber mit bizarr-absurdem Witz.

Abspann: Wer nach diesem sehr speziellen Filmerlebnis wieder ins Neonlicht des abgetakelten Asia-Ladens tritt, darf sich im Sammelsurium der Auslagen durchaus als Teil einer Reality-Show wähnen. Und beim Rausgehen steht auch noch gleich auf der anderen Seite der Gartenstraße eine echte Gefängnismauer. Die Kinokritik für Rottenbergs Arbeit würde lauten: Unbedingt ansehen.

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Die Westfälischen Nachrichten stellen in den nächsten Wochen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

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