Hervé Youmbis „Himmlische Masken“ auf dem Überwasserfriedhof
Wie authentisch ist Totenkult?

Münster -

Hervé Youmbi stammt aus Afrika. Dort, wo auch der Löwe zu Hause ist. Vermutlich nicht immer so friedlich schlafend wie jener bronzene Artgenosse, der auf dem schon lange stillgelegten Überwasserfriedhof die Grabstätte des Königlich-Preußischen Generalleutnants Wilhelm von Horn bewacht.

Montag, 31.07.2017, 18:07 Uhr

Hervé Youmbi vermischt in seinen himmlischen Masken afrikanische und US-amerikanische Jenseits-Motive von Tod und Schrecken und hat sie am Überwasserfriedhof aufgehängt.
Hervé Youmbi vermischt in seinen himmlischen Masken afrikanische und US-amerikanische Jenseits-Motive von Tod und Schrecken und hat sie am Überwasserfriedhof aufgehängt. Foto: Gerhard H. Kock

Hervé Youmbi stammt aus Afrika. Dort, wo auch der Löwe zu Hause ist. Vermutlich nicht immer so friedlich schlafend wie jener bronzene Artgenosse, der auf dem schon lange stillgelegten Überwasserfriedhof (angrenzend an den Schlossgarten) die Grabstätte des Königlich-Preußischen Generalleutnants Wilhelm von Horn bewacht.

Ob es dieser Löwe war, der Youmbi im vergangenen Jahr, als der Künstler aus Kamerun nach einem Platz für seinen Beitrag zu den „ Skulptur-Projekten “ Ausschau hielt, für den Friedhof einnahm? Oder womöglich jenes kleine, schnell übersehene Sandstein-Epitaph von Ian Hamilton Finley – ein Relikt der Skulptur-Projekte von 1987? „Meine Lieder werden leben, wenn ich längst entschwand“ steht darauf – eine stille, entpersonalisierte Kritik an dem Totenkult, der an diesem stillen Ort so sichtbar ist.

Youmbi fügt ihr nun eine weitere nachdenklich stimmende Facette hinzu. In unmittelbarer Nähe zur letzten Ruhestätte des Generals Ludwig Roth von Schreckenstein hat er in zirka zehn Metern Höhe vier Masken zwischen zwei stabilen Drahtseilen angebracht, vier weitere Masken hängen in den benachbarten Bäumen. Was der Besucher freilich nur entdecken kann, wenn er den Kopf in den Nacken legt und gen Himmel schaut. Eine Handlung, die sich für einen Friedhofsbesuch gänzlich fremd anfühlt, ist der Blick in der westlichen Begräbnistradition doch traditionell Mutter Erde zugewandt.

Auch Roth von Schreckenstein, in Lebensgröße auf dem Sarkophag liegend in Bronze gegossen, blickt himmelwärts. „Terrere nolo. Timere nescio“ – „Ich will niemanden schrecken und kenne keine Angst“: So steht es an der Kopfseite des Grabmals geschrieben. Und der Besucher mag sich fragen: Was zählt denn am Ende wirklich? Ein militärischer Titel, ein aufwendiges Grab? Oder die Lebensleistung? „Meine Lieder“, wie Finlay Annette von Droste-Hülshoff zitiert.

Auch Youmbi hinterfragt die Authentizität von Grabriten. Seine Arbeit wirft an diesem Ort unwillkürlich Gedanken über Spiritualität und Aberglaube auf. Wer etwa die Motive seiner himmlischen Masken studiert, die mitunter recht grimmig sind, dem werden Gedanken über Unheil bringende Fetische kommen. Ob man will oder nicht.

Masken sind nach afrikanischer Tradition als Einladung an die Geister der Toten zu verstehen, während feierlicher Zeremonien in diese zu fahren und sie zu besetzen. Aber funktioniert das auch, wenn Masken aus Materialien gefertigt werden – aus Perlen etwa, die nicht mehr nur aus Afrika stammen, die also eben nicht der genuin afrikanischen Tradition entspringen?

Youmbis Arbeit lässt sich klar globalisierungskritisch lesen. Unverkennbar ist in seinem Werk die Referenz zur Maske aus dem US-amerikanischen Horrorfilm „Scream“ (1996) – die wiederum durch Edvard Munchs berühmtes Gemälde „Der Schrei“ (1893) inspiriert ist. Dieses ikonische Motiv für Angst und Schrecken kann stellvertretend als Klage darüber gelesen werden, wie wenig einfühlsam die westliche Kultur mit der afrikanischen umspringt. Dann nämlich, wenn sie diese aus dem rituellen Gebrauchskontext herauslöst. Wenn Masken nur noch als ästhetische Inspirationsquelle dienen.

In diesem Zusammenhang empfiehlt sich der Blick in den Ausstellungskatalog. Dort findet sich eine Fotografie, die Afrikaner bei der Feier mit einer kommerziellen „Scream“-Maske zeigt – eine Aushöhlung der eigenen Kultur.

Zum Thema

Die Westfälischen Nachrichten stellen in den nächsten Wochen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor. | Wird fortgesetzt

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