Gesellschaftliche Partizipation per Ehrenamt
Engagierter Richter ohne Robe

Münster-Coerde -

Ein Schöffe ist laut Duden „ein bei Strafgerichten ehrenamtlich eingesetzter Laie, der zusammen mit dem Richter die Tat des Angeklagten beurteilt und das Maß der Strafe festlegt.“ Sascha Belting hat dieses Amt Anfang 2019 übernommen, am Landgericht Münster – im Bereich Jugendstrafrecht. Und der Coerder ist mit Feuereifer dabei.

Dienstag, 04.06.2019, 18:20 Uhr aktualisiert: 05.06.2019, 18:26 Uhr
Der Coerder Sozialassistent Sascha Belting ist für die nächsten fünf Jahre Hilfsschöffe am Landgericht Münster.
Der Coerder Sozialassistent Sascha Belting ist für die nächsten fünf Jahre Hilfsschöffe am Landgericht Münster. Foto: Peter Sauer

Viele Menschen zucken unwillkürlich vor Schreck zusammen, wenn sie Post vom Gericht bekommen, Sascha Belting nicht. Denn der 27-Jährige ist seit Januar als Schöffe am Landgericht Münster tätig. Für die kommenden fünf Jahre. Hilfsrichter im Bereich Jugendstrafrecht.

Damit hat der Gründer der freien Bürgergruppe „CoerdePur“ seiner Vita ein neues Ehrenamt zugefügt. Man kennt ihn von seiner heimischen Jugendarbeit beim VSE (Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen) und bei der SPD. Nun ist er also ehrenamtlicher Schöffe.

„Als Kind war ich selber ein kleiner Rabauke“, erinnert sich Sascha Belting im Gespräch mit dieser Zeitung. „Ich habe mir selten etwas sagen lassen, öfters meinen Kopf durchgesetzt und das gemacht, wozu ich Lust hatte.“ Das führte dazu, dass der „Coerder Junge“, wie sich Belting heute selbst nicht ohne Stolz nennt, mal die Schule schwänzte oder die Hausaufgaben nicht machte.

Mit 13 Jahren kam dann die Wende. Durch Beltings erstes Ehrenamt als Mitarbeiter beim HoT-Coerde, dem Jugendzentrum der evangelischen Andreas-Kirchengemeinde: „Es machte mir sehr viel Spaß, etwas für andere zu tun und bekam eine Wertschätzung für meine Arbeit“, erinnert sich der 27-Jährige rückblickend an diese fünf Jahre im HoT.

Belting unterstützte später beim VSE Coerde – in Zusammenarbeit mit Sozialarbeitern – Jugendliche, die auf Weisung des Jugendgerichts betreut werden sollten, um sich zu sozialisieren. Ihn machte diese nicht immer einfache Arbeit stark: „Sie fand stets auf Augenhöhe mit den jungen Menschen statt. Noch heute grüßen mich manche von ihnen herzlich, geben mir zum Beispiel als Zeichen der Wertschätzung die Ghettofaust.“

Schöffe Sascha Belting

Schöffe Sascha Belting Foto: Peter Sauer

Sascha Belting wurde in Coerde, mit Blick auf seinen langjährigen Wohnort, schnell zum „Dachsleiter“, der Angebote für Kinder und Jugendliche auf die Beine stellte, wie zum Beispiel offene Fußballangebote, für Spielplätze Patenschaften übernahm und bei Streitigkeiten auch mal als Schiedsmann vermittelte.

Im Hauptberuf ist Sascha Belting Sozialassistent in der Betreuung. Ehrenamtlich wirkt er auch bei der Stiftung „Schüler für Münster“ mit.

Eigentlich ist das Leben damit doch gut ausgefüllt, möchte man meinen. Doch dann sah Sascha Belting den Aufruf des Landgerichts in dieser Zeitung: „Schöffen gesucht!“ Da aktive gesellschaftliche Partizipation den Coerder schon immer interessiert, bewarb er sich. „Ich habe gegoogelt und You-Tube-Videos gesehen, um zu gucken, was ein Schöffe so macht.“ Die Zusage kam postwendend.

„An meinem ersten Prozesstag als Laie Mitte Mai hatte ich voll Lampenfieber und Angst, mich zu versprechen, wenn ich im Gericht den Eid ablese“, sagt Sascha Belting. Doch alles klappte ohne Pannen. „Die ehrenamtliche Arbeit als Vertreter des Volkes macht mir sehr viel Spaß“, sagt der Coerder bereits nach den ersten beiden Gerichtsterminen, wo es um Diebstahl und Beamtenbeleidigung ging.

„Es gibt auch immer Gründe, warum ein Mensch etwas macht, zum Beispiel gesundheitliche, familiäre oder soziale“, erläutert der 27-Jährige sein Interesse an dem Job als Hilfsrichter. Schließlich komme niemand als Verbrecher auf die Welt. „Bestrafen ist wichtig, aber stets unter Einbeziehung der Umstände und Relevanz“, betont Belting, für den Neutralität und Fairness wichtig sind. „Ich will helfen, dass Leute von der schiefen auf die richtige Bahn kommen.“

Seine Gerichtsunterlagen trägt er mit farblichen Trennern sauber sortiert in einer schwarzen Kladde – und nicht ohne Stolz. In Coerde wird er bereits auf der Straße angesprochen: „Es gibt nur positive Reaktionen, auch im Netz.“

Seinen Job als ehrenamtlicher Schöffe (mit Arbeitsfreistellung und Aufwandsentschädigung) kann Sascha Belting nur weiterempfehlen: „Es ist total spannend, Geschichten mal ganz anders mitzubekommen als sonst und mitberaten zu können, wenn es um das Urteil geht. Als Schöffe sammele ich wichtige Lebenserfahrung und kann gesellschaftlich mitwirken.“

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