MS-West
Rappen am Gescherweg

Mittwoch, 16.06.2010, 22:06 Uhr

Münster-Gievenbeck - Kano (14) schließt die Kabinentür , setzt den Kopfhörer auf und legt los. „Komm´ in meine Welt, wo es niemand schafft“, singt er im Stakkato-Sprechgesang. Knackige Wortfetzen wie „Zeitarbeit, Ein-Eurojobs, moderne Sklaverei“ mischen sich mit harten Beats - dafür sorgt Kianush am Mischpult. „Das ist das Ventil der Jungs - sie lassen ihre Emotionen raus“, erklärt der stadtbekannte Rapper den Gästen der Premiere.

Für die Nachwuchs-Rapper im Jugendtreff Toppheide des Stadtteilhauses Fachwerk ist ein Traum in Erfüllung gegangen - in nur zwei Monaten haben sie ihr eigenes Tonstudio geplant und gebaut. Mit professioneller Unterstützung spielen sie nun ihre ersten „Tracks“ ein. Alle, auch Treff-Leiter Roland Kober und Mitarbeiter Philipp Stangier , tragen ihre schwarzen T-Shirts mit sichtlichem Stolz. Darauf prangt das Logo ihres brandneuen Rap-Studiolabels „Street Sound“. Ein Label, das verbindet.

Die Realisierung des Studios war Kanos Idee, erzählt Roland Kober. Es ist eine Gemeinschaftsleistung: Der 14-Jährige übt schon seit vier Jahren Rap und kennt sich gut in der Szene aus. Ohne Studio, erinnert sich Kober, hätten die ersten Probe-Raps zunächst „furchtbar“ geklungen. Die Initiative überließ der Sozialpädagoge, der sich selbst als blutigen Anfänger in Sachen Rap bezeichnet, komplett den Jugendlichen. „Es ging uns um die entscheidende Frage, wie lässt sich anspruchsvolle Musik im Jugendtreff selbst machen?“ Mit äußerst geringem finanziellen Aufwand und großem Elan bauten die Rapbegeisterten aus Holz und Dämmmaterial die Kabine, der Computer mit Musikprogrammen war bereits vorhanden. Ein Mikrofon sowie das „Interface“, eine Art Mischpult, seien die einzigen nennenswerten Investitionen gegeben.

„Ein preiswerteres Studio als dieses ist kaum vorstellbar“, freut sich der Jugendtreff-Chef. Umso größer scheint der Wirkungsgrad: Rapper Kianush, dessen Musik etliche Jugendliche auf ihre Handys heruntergeladen hätten, probt einmal pro Woche mit den Jugendlichen am Gescherweg . „Wir lernten Texte schreiben und das Taktgefühl“, berichtet Kano. Letzterer Begriff ist durchaus im doppelten Sinne zu verstehen: Es komme nämlich neben dem Rhythmus auf Fingerspitzengefühl in puncto Songtexte an. „Rap hat einen schlechten Ruf wegen Bushido und Sido“, sagen sie.

Den Jungs im Toppheide-Jugendtreff, unter ihnen auch Cedric (15) und Tolga (17), geht es jedoch nicht um obszöne Provokationen, sondern um ein anderes Bild von Rapmusik. „Wir wollen aus dem Leben erzählen, wir wollen die Realität zeigen!“ Für die ersten Tracks brauchten sie noch an die acht Stunden, mittlerweile haben sie Routine. Kano kommt lächelnd aus der Kabine. „Saubere Aufnahme“, lobt Kianush, der einzige, der kein schwarzes Label-T-Shirt trägt, aber dafür ganz in Weiß gekleidet ist.

Die Rapper am Gescherweg haben noch viel vor. Ihr mobiles Studio wollen sie vermieten, um mit den Einnahmen demnächst ihre erste CD zu produzieren.

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