Albachten
Zwei weiße Krähen im Aatal

Freitag, 16.07.2010, 21:07 Uhr

Münster-West - Da fliegen sie wieder, diese seltsamen Vögel. Weiß wie der Schnee, größer als eine Taube, kleiner als ein Mäusebussard, der immerhin manchmal ein teilweise weißes Gefieder trägt. „Was sind das bloß für Vögel?“, fragen sich Spaziergänger im Aatal zwischen Gievenbeck und Roxel seit Wochen. Spätestens Mitte Juni tauchte zuerst einer von ihnen auf, nun ist vor wenigen Tagen ein zweiter hinzugekommen. Immer werden sie begleitet von zwei schwarzen Rabenkrähen.

Gezielte Beobachtungen mit Fernglas und Teleobjektiv brachten es an den Tag: Ein Krähenpaar hat höchst ungewöhnlichen Nachwuchs großgezogen. Gleich zwei Albino-Krähen sind aus den Eiern geschlüpft, wurden im Nest aufgepäppelt und sind nun mit ihren Eltern auf Nahrungssuche, werden auch von Schnabel zu Schnabel gefüttert.

„Dass einzelne Tiere weiß sind, gibt es bei einigen schwarzen Vogelarten, zum Beispiel den Amseln“, weiß der Ornithologe und Landschaftsentwickler Kristian Mantel , der bei der Nabu-Naturschutzstation Münsterland als wissenschaftlicher Mitarbeiter angestellt ist. „Manchmal sind auch nur einzelne Federn weiß, dann wieder sind sie schön symetrisch angeordnet. Rein weiße Nachkommen sind bei schwarzen Vogelarten aber sehr selten.“ Als allzu spektakulär würde er die Entdeckung im Aatal jedoch nicht einstufen.

Nimmt Kristian Mantel das Auftauchen der weißen Krähen noch gelassen, so wird diese Laune der Natur von anderen Vogelkundlern als Sensation bewertet: „Die Chancen dafür stehen etwa bei eins zu einer Million“, wird Wolfgang Fiedler vom deutschen Max-Planck-Institut für Ornithologie im Internet zitiert. „Ich beobachte nun seit 30 Jahren Vögel - eine weiße Krähe ist mir noch nie begegnet“, ergänzt Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach.

Rabenkrähen brüten nach Auskunft von Kristian Mantel ab März /April rund 20 Tage lang. Die Jungtiere sind nach etwa fünf Wochen flügge. Beide Elterntiere beteiligen sich an der Aufzucht der bis zu sechs Küken. „Die Familien bleiben so lange zusammen, bis die Alten das nächste Mal brüten oder die Jungtiere nicht mehr dulden. Sie betteln weiterhin um Futter, werden dann aber zunehmend ignoriert“, berichtet Mantel.

Von Feindseligkeiten anderer Krähen gegen die Albinos ist im Aatal nichts zu sehen. Wird sonst häufig berichtet, dass die weißen Nachkömmlinge bereits im Nest von Geschwistern oder gar den Elterntieren angegriffen oder getötet werden, im Falle ihres Überlebens ein leichtes Opfer anderer Tiere seien, so meint Kristian Mantel: „Krähen haben wenige Feinde. In Münster sind es bisher nur der Habicht und der Wanderfalke. Vielleicht zieht in kommenden Jahren noch der Uhu aus dem Umland hinzu, aber ansonsten können keine anderen Vögel Krähen erlegen.“

Ein Problem des weißen Gefieders sei, dass es anfälliger gegenüber der ultravioletten Strahlung des Sonnenlichts ist. „Einige Möwenarten haben daher schwarze Flügelspitzen, weil die weniger leicht verschleißen“, erläutert Mantel. Aber da Krähen nicht so viel umher fliegen wie Möwen, sei bei ihnen die Abnutzung nicht so groß.

Was auch aus Sicht des Nabu-Mitarbeiters spektakulär wäre: „Wenn sich eine weiße Population etablieren würde.“ Sprich, wenn die beiden weißen Krähen nicht allein blieben, sondern weitere Albinos hinzukämen, die ihre Gene weitervererben. Aber „nur“ zwei weiße Krähen - „Das ist eben eine Spielart. Es ist Evolution live, dass Variationen vorkommen.“

Spannend wird es, wenn die beiden Albinos sich von ihren Eltern trennen. Sollten sie sich verpaaren und ein eigenes Revier finden, könnten sie ihrerseits Nachwuchs haben. Ansonsten würden sie sich einem Junggesellenschwarm anschließen: „Die Vögel ohne Revier rotten sich zusammen, weil es ihnen mehr Sicherheit bietet“, sagt Mantel. Bleibt abzuwarten, ob die Albinos unter den vielen schwarzen Krähen ebenfalls sicher sein werden.

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