„Nein“ zu roten Fahrradstraßen
BV-Südost spricht sich gegen Verwaltungsvorschlag aus

Münster-Südost -

Eine lange Diskussion entbrannte in der Sitzung der BV-Südost am Dienstagabend zum Thema „Rote Fahrradstraßen“. Knackpunkt waren die Kosten, die sich stadtweit auf über 5,3 Millionen Euro belaufen sollen. Am Ende sprach sich das Gremium gegen eine durchgehende Rotfärbung aus.

Mittwoch, 07.03.2018, 00:03 Uhr

Wolbeck und Alt-Angelmodde verbindet links der Brandhoveweg, in der Mitte die Trasse der Westfälischen Landeseisenbahn und rechts die Straße „Am Angelkamp“. Der Brandhoveweg soll demnächst zur Fahrradstraße umgewidmet werden – ob er dafür jedoch komplett rot gestrichen werden soll, ist strittig.
Wolbeck und Alt-Angelmodde verbindet links der Brandhoveweg, in der Mitte die Trasse der Westfälischen Landeseisenbahn und rechts die Straße „Am Angelkamp“. Der Brandhoveweg soll demnächst zur Fahrradstraße umgewidmet werden – ob er dafür jedoch komplett rot gestrichen werden soll, ist strittig. Foto: mlü

Zum Hintergrund: Bereits im Herbst 2016 hatte der Rat der Stadt in seinem Radverkehrskonzept die stadtweite Rotfärbung von Fahrradstraßen beschlossen. Damals hätten auch Polizei, Straßenverkehrsbehörde, ADFC, IHK und weitere Mitwirkende zugestimmt. Darauf wies Gerhard Rüller vom Tiefbauamt in der Sitzung noch einmal hin. Aktuell gehe es um die Konkretisierung der Maßnahme, sprich um die genaue Klärung der betreffenden Strecken und die Benennung der Kosten.

Um diese Straßen ging es

In der Sitzung wurde eine Liste von stadtweit zwölf bestehenden und zehn noch geplanten Fahrradstraßen vorgestellt. Drei davon befinden im Bezirk Münster-Südost: die bereits bestehende Fahrradstraße am Lindbergh­weg/Lütkenbeckerweg zwischen Heumannsweg und Theodor-Scheiwe-Straße sowie die geplanten Fahrradstraßen am Brandhoveweg zwischen Twenhövenweg und Sportanlage und an der Kanalpromenade zwischen Osttor und Vahlbusch.

Regeln auf Fahrradstraßen

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  • Was ist denn eine Fahrradstraße? Mit diesem Schild können viele Verkehrsteilnehmer wenig anfangen. 1997 wurden durch die sogenannte Fahrrad-Novelle der Straßenverkehrsordnung die Regeln für Fahrradstraßen festgelegt:

    Foto: dpa
  • Als Fahrradstraßen werden Straßen bezeichnet, die vorrangig für den Radverkehr vorgesehen sind.  Sie sollen Vorteile gegenüber dem Kfz-Verkehr schaffen und so auch zu mehr Sicherheit für Radfahrer führen.

    Foto: Jan Hullmann
  • In Deutschland ist die Nutzung einer solchen Fahrradstraße dem Radverkehr vorbehalten. Radfahrer dürfen hier auch nebeneinander fahren.

    Foto: Michael Grottendieck
  • Soll die Straße auch durch andere Fahrzeuge befahren werden, muss dies durch Zusatzzeichen ausgeschildert sein. So kann zum Beispiel der Autoverkehr für Anlieger oder nur in eine Richtung erlaubt sein.

    Foto: Jan Hullmann
  • Radfahrer haben auf einer Fahrradstraße Vorrang vor Autos und anderen Fahrzeugen, welche diese Straße benutzen. Doch dies bedeutet nicht, dass Fahrradfahrer auch an Kreuzungen Vorfahrt haben, hier gilt – sofern nichts anderes ausgeschildert wurde – „rechts vor links“.

    Foto: Jan Hullmann
  • Andere Kraftfahrer müssen sich auf der Fahrradstraße dem Radverkehr anpassen, sodass ein Behinderung oder Gefährdung der Radfahrer vermieden wird. Das gilt insbesondere auch für Überholvorgänge. Dabei muss ein ausreichender Seitenabstand - laut Rechtsprechung mindestens  1,5 Meter - eingehalten werden.

    Foto: Tobias Denne (Archiv)
  • Auf einer Fahrradstraße muss die Geschwindigkeit von Kraftfahrzeugen  immer angepasst sein. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf Fahrradstraßen beträgt darüber hinaus immer 30 km/h. Darauf weist auch dieses Schild am Lindberghweg in Münster hin.

    Foto: Stadt Münster (Archiv)
  • Zu den zwölf bestehenden Fahrradstraßen in Münster sollen noch zehn weitere hinzukommen.

    Foto: Martin Kalitschke, Grafik: Jürgen Christ

Das Hauptargument für die Rotfärbung der Fahrradstraßen sei ein Mehr an Sicherheit für die Radfahrer, betonte Rüller und führte die Niederlande als Vorbild an. Dort hätten sich rote Radwege und Fahrradstraße bewährt. In Zahlen messbar sei die verbesserte Sicherheit nicht, da man keinen Vergleich mit und ohne Rotfärbung anstellen könne, räumte Rüller auf Nachfrage ein. Allerdings liege auf der Hand, dass eine durchgehend rote Färbung vom Autofahrer eher wahrgenommen werde als punktuell gesetzte Schilder oder Piktogramme. „Und Münster muss Geld in die Hand nehmen, um Fahrradhauptstadt zu bleiben“, so Rüller.

Sorge um Verlust der Warnfunktion 

Bei den BV-Mitgliedern überwog die Skepsis. „5,3 Millionen Euro sind zu viel“, konstatierte Sabine Metzler (SPD). „Wenn alles rot ist, verliert die Farbe die Warnfunktion“, sagte Franz-Josef Ruwe (CDU) und auch Reiner Borchert (Grüne) zeigte sich nicht überzeugt vom Nutzen. Lediglich Christine Schulz (Grüne) plädierte für den Verwaltungsvorschlag: Sie selbst habe als Radlerin oft kritische Situationen erlebt und glaube, dass die rote Farbe, auch bei Auswärtigen, eine besondere Warnfunktion erfülle. 5,3 Millionen seien innerhalb eines Topfes von insgesamt 50 Millionen für Verkehrsmaßnahmen gut vertretbar. „Wir sind für die Einzelfallprüfung, es gibt auch Alternativen zur Verkehrsberuhigung wie Straßenverengung und Freiburger Kegel“, argumentierte Willi Schriek (FDP). 

Mehrheit für Kompromiss

Obwohl Rüller darauf hinwies, dass die Maßnahme nur „ganz oder gar nicht“ sinnvoll sei, sprach sich die BV mehrheitlich für einen Kompromiss aus: Man schloss sich auf Anregung von Birgit Hemecker (Piraten) dem Beschluss der BV- Ost an und votierte gegen eine durchgehende Rotfärbung von Radwegen und Fahrradstraßen. Diese soll es nur an Einmündungen, Kreuzungen und neuralgischen Stellen geben, sonst sollen Piktogramme genügen. Die BV hat lediglich Anhörungsrecht. Die Entscheidung trifft der Rat am 14. März.  

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