Der Jazz-Musiker und DJ John Keise über Rassismus und schwarze Musik
„Es hat sich nichts geändert“

Münster-Südost -

Die Stadt New York hat diese Woche in Großbuchstaben das Anti-Rassismus-Motto „Black Lives Matter“ auf die Straße vor dem Trump-Tower in Manhattan gemalt. In England wurde vor rund einem Monat die Bronzestatue des Sklavenhändlers Edward Colston in den Fluss Avon versenkt. Alles ganz weit weg? Nicht für John Keise.

Freitag, 10.07.2020, 17:42 Uhr
Als „Honest John“ organisiert der Musiker John Keise schon seit den 1990ern Jazz-Veranstaltungen.
Als „Honest John“ organisiert der Musiker John Keise schon seit den 1990ern Jazz-Veranstaltungen. Foto: mlü

 

Der schwarze Jazz-Musiker kam buchstäblich mit Pauken und Trompeten aus London nach Deutschland – als Militärmusiker war er ab 1977 in der York-Kaserne in Gremmendorf stationiert. Legendär ist, wie er regelmäßig vom Panikrocker Steffi Stephan mit einem Cadillac aus der Kaserne abgeholt wurde. Sein Musikinstrument schmuggelte der Sax-Man mit der Dreckwäsche nach draußen. Denn eigentlich durfte er als Soldat nicht privat in Clubs auftreten.

Noch vor wenigen Jahren hat Keise in Wolbeck als Koch gearbeitet. Mittlerweile will er wieder verstärkt als DJ, Musiker und Musikmoderator auftreten. Dabei zieht es ihn auch immer wieder in den Südosten der Stadt. Zuletzt hatte er einen Auftritt in einem Café an der Marktallee in Hiltrup. Den dortigen Kulturbahnhof besucht er immer, wenn ein befreundeter Künstler auftritt.

Was bewegen die aktuellen „ Black Lives Matter “-Proteste in ihm? In seiner Jugend in England habe seine Familie täglich Rassismus erlebt. Jemand schmierte „Niggers go home“ an sein Elternhaus. An den Kneipen hing oft ein Schild: „Keine Iren, keine Hunde, keine Schwarzen.“ Es ist die perfide Reihenfolge, die ihm noch heute einen Stich versetzt.

„Windrush“-Generation

„Dabei war mein Vater auf Einladung aus Jamaika gekommen“, schüttelt Keise den Kopf. In den unmittelbaren Nachkriegsjahren hatte die Regierung in London in den britischen Kolonien dafür geworben, beim Wiederaufbau des Mutterlandes nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs zu helfen. Statt eines Dankes erfuhren die dringend benötigten Immigranten allerdings oft Ablehnung.

„Für mich als Jugendlichen war das alles sehr verwirrend. Darf ich eine weiße Frau als Freundin haben? Man wusste nicht, was man tun soll“, sagt Keise. In Münster sei es manchmal nicht anders gewesen. „In den 1990ern habe ich am eigenen Leib Polizeigewalt erlebt. Und häufig wurde ich von den Türstehern nicht in die Clubs hineingelassen.“ Sogar dann nicht, wenn er eigentlich zur Band gehörte. Manchmal half nur die Fürsprache eines Musikerkollegen. „Einmal hieß es, ich dürfte nicht herein, weil ich Baseballschuhe anhätte. Als ich dann doch rein durfte, hatten drinnen alle solche Schuhe an wie ich.“

Vor fast 30 Jahren gründete Keise die Trommelband „Egedege“. „Wir haben sogar auf dem Domplatz vor 3000 Leuten gespielt. Unterstützung für diese Veranstaltung kam vom Bischof selbst, der ein großer Fan war. Noch spektakulärer war die Einladung auf den US-amerikanischen Luftwaffenstützpunkt in Mainz.“

Die Band hatte damals eine klare Botschaft: „Wir sind nicht nur fröhliche Schwarze.“ Keise ist niedergeschlagen: „Das Traurige ist, dass die Botschaft immer noch aktuell ist, denn leider hat sich nichts geändert.“

Soziale Veränderungen durch Musik

Und nun? Der Wahl-Münsteraner glaubt immer noch, dass durch Musik soziale Veränderungen möglich sind, denn sie schließe alle mit ein. „Black Lives Matter. Das fängt mit Bildung über schwarze Kultur an. In den UK lernt man alles über weiße Könige und Soldaten. Aber fast nichts über die Schwarzen.“ Gewalt lehnt er ab, „das spaltet die Gesellschaft nur“.

Für Münster würde er sich wünschen, dass zum Beispiel beim Internationalen Jazz-Festival häufiger auch schwarze Musiker zu sehen sind. „Wir verpassen die Chance, die Geschichte des Jazz zu erzählen.“

Das neueste Projekt von „Honest John“ beginnt im August in Osnabrück. Dann wird er jeden zweiten Freitag im Kinocafé Garbo auf der Dachterrasse auflegen.

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