Algenwachstum und Krankheiten
Rieselfelder: Hitze bereitet Sorgen

Münster-Coerde -

An Wasser mangelt es in den Rieselfeldern trotz wochenlanger Dürre nicht. Dafür sorgt die Hauptkläranlage in Coerde. Trotzdem machen die hohen Temperaturen dem Schutzgebiet zu schaffen.

Freitag, 03.08.2018, 18:00 Uhr aktualisiert: 03.08.2018, 19:55 Uhr
Am Wehr sammeln sich die Algen besonders. Der Teppich ist laut Hans-Uwe Schütz so dick, dass Vögel bereits darauf herumlaufen können.
Am Wehr sammeln sich die Algen besonders. Der Teppich ist laut Hans-Uwe Schütz so dick, dass Vögel bereits darauf herumlaufen können. Foto: anf

Im ganzen Münsterland – sogar in ganz Deutschland – herrscht Dürre. Felder vertrocknen, Wiesen sind verbrannt, es gelten flächendeckend Warnungen vor Waldbränden. In den Rieselfeldern sieht es dagegen sehr erfrischend aus: Die Stauteiche sind gut gefüllt, in den Bewässerungsbächen steht das Wasser deutlich höher als in der Aa.

„Solange die Münsteraner auf die Toilette gehen, haben wir hier genügend Wasser“, sagt Hans-Uwe Schütz von der Biologischen Station, schmunzelnd. Denn: Die Rieselfelder speisen ihr Wasser zu großen Teilen aus der Hauptkläranlage in Coerde. Trotzdem macht der langanhaltende Hochsommer auch dem europäischen Vogelreservat zu schaffen.

Grüne Farbe dominiert

Schon wenige Meter vor dem Verwaltungsgebäude an der Coermühle fällt auf: Grün ist die dominante Farbe. Und das liegt nicht an den Pflanzen, die im Reservat noch genügend Wasser bekommen. Es ist die Wasseroberfläche, die vollständig von Algen bedeckt ist. „Das Algenwachstum ist bei diesen Temperaturen enorm“, sagt Schütz. Wenn die Algen absterben und zersetzt werden, wird der Sauerstoffgehalt im Wasser immer geringer.

Hitze-Mythen auf dem Prüfstand: Von Mittagshitze und Zugluft

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  • Hochsommer, Deutschland schwitzt bei Temperaturen weit jenseits der 30-Grad-Marke. Weil es so heiß ist, gilt es im Alltag vieles zu beachten: Mehr zu trinken zum Beispiel wird empfohlen, und die Blumen besser morgens als nachmittags zu gießen. Manche Weisheit entpuppt sich allerdings als Mythos. Ein Faktencheck.

    Foto: Patrick Seeger
  • Stimmt es eigentlich, dass . . .

    . . . es mittags am heißesten ist?

    Fragt man beim Deutschen Wetterdienst nach der „Mittagshitze“, ist die Antwort klar: „Das ist kein meteorologischer Begriff“, sagt Sprecher Andreas Friedrich. Hitze sei streng genommen alles über 30 Grad, entsprechend könne es mittags auch mal Hitze geben. Die eine „Mittagshitze“ gebe es aber nicht. Die Messstationen registrierten den heißesten Zeitpunkt des Tages in der Regel zwischen 16 und 17 Uhr. Dann hat die Sonne den Boden maximal erwärmt, mit sinkendem Sonnenstand fallen anschließend die Temperaturen wieder. Man könnte also eher von einer „Feierabendhitze“ sprechen.

    Foto: Bodo Marks
  • . . . man abends nicht joggen gehen sollte?

    Jein. Hintergrund für diese gelegentlich ausgesprochene Empfehlung sind hohe Ozonwerte in der Luft. Das farblose, giftige Gas kann die Atemwege reizen, erläutert das Umweltbundesamt. Da die Werte im Sommer meist am Nachmittag am höchsten sind, rät die Behörde zum Beispiel Asthmatikern, zu dieser Tageszeit körperliche Aktivitäten im Freien zu vermeiden. Bei gesunden Menschen hält es Prof. Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln so: Wer kann, geht besser schon früh morgens joggen. Und wer das nicht kann, joggt besser am Abend als gar nicht. Nur herumzusitzen sei gefährlicher, sagt er.

    Foto: fotolia
  • . . . Zugluft schädlich ist?

    Wenn Luft über verschwitzte Haut streift, entsteht Verdunstungskälte. Die Körperoberfläche wird also gekühlt. Das ist bei Hitze erst mal angenehm. Allerdings kann sich dadurch die darunterliegende Muskulatur verspannen, erklärt Hans Michael Mühlenfeld, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Bremen. Mögliche Folgen sind ein steifer Nacken oder auch Kopfschmerzen. Alternativ kühlen feuchte Lappen oder Fußbäder, empfiehlt Sabine Gehrke-Beck, Allgemeinmedizinerin an der Berliner Charité.

    Foto: Erwin Wodicka
  • . . . man beim Blumengießen kein Wasser auf die Blätter gießen soll?

    Es heißt zwar, dass Wassertropfen auf den Pflanzen in der Sonne wie Brenngläser wirken – die Blätter verbrennen also eher, wenn man das Gießwasser über sie gießt. Isabelle Van Groeningen von der Königlichen Gartenakademie in Berlin sagt jedoch: „Ich halte den Tipp für übertrieben. Den meisten Pflanzen macht das nichts aus.“ Nur jene mit wolligen und filzigen Blättern wie der Wollziest litten darunter – „sie sind dafür konzipiert, in Trockenheit zu leben.“

    Foto: colourbox
  • . . . Smartphones unter der Hitze leiden?

    Kann sein. Manches Smartphone mag Sonnenstrahlung und Hitze gut überstehen, bei anderen kommt es zu Beeinträchtigungen – zum Beispiel am Akku, der laut dem TÜV Süd schon ab einer Temperatur von 35 Grad Schaden nehmen kann. Das äußert sich in geringerer Leistung, kürzerer Lebensdauer, Kurzschlüssen oder – schlimmstenfalls – durch einen Akkubrand. Auch die Pixel im Display können durch Hitze und direkte Sonneneinstrahlung Schaden nehmen. Die Folgen sind dann zum Beispiel Darstellungsstörungen oder blinde Flecken. Moderne Smartphones schalten sich bei zu großer Hitze auch von selbst ab oder zeigen einen Hinweis an – spätestens dann gehört das Gerät in den Schatten.

    Foto: colourbox

Bisher kommen die Tiere damit noch gut zurecht, wie Schütz sagt: „Wir haben noch nicht bemerkt, dass Fische verendet sind. Aber wir freuen uns über jeden weiteren heißen Tag ohne tote Fische.“ Soll heißen: Die Wahrscheinlichkeit, dass Fische auch in den Rieselfeldern der Hitze und dem Sauerstoffmangel zum Opfer fallen, steigt mit jedem Tag.

Risiko wächst mit jedem Tag

Um das Wasser mit Sauerstoff anzureichern, werden viele Flächen regelmäßig bewässert. Der Schwerpunkt liegt laut Schütz dabei auf den flachen Gewässern: „Dort ist die Verdunstungsrate sehr hoch. Die Wassertemperatur liegt wohl schon bei 25 Grad.“ Über drei Hauptleitungen wird Wasser aus den Stauteichen über das 430 Hektar große Gebiet verteilt.

Dass es in den Rieselfeldern noch Wasser gibt, obwohl es seit Mai nur wenig Regen gegeben hat, merken laut Hans-Uwe Schütz auch die Tiere. „Alleine an einem Morgen habe ich über 25 Weißstörche gesehen“, freut sich der Biologe. Viele Vögel aus der Umgebung habe es wohl schon nach Münster gezogen, denn wo es Wasser gibt, gibt es auch Nahrung.

Grün in Grün: Auch die Wasserflächen am Verwaltungsgebäude sind von Algen übersäht.

Grün in Grün: Auch die Wasserflächen am Verwaltungsgebäude sind von Algen übersäht. Foto: Anna Spliethoff

Die Hitze hat noch einen Nachteil. Die Verbreitung von Krankheiten, gerade bei Vögeln, wird immer wahrscheinlicher. „Wenn es nur an wenigen Stellen Wasser gibt, versammeln sich die Vögel dort. Krankheitserreger können sich so deutlich schneller verbreiten“, sagt Hans-Uwe Schütz. Das Risiko wachse mit jedem heißen Tag.

Die Vogelzähler in den Rieselfeldern sind deshalb aufgerufen, Ausschau nach toten Tieren zu halten – und diese sofort zu melden. Die größte Gefahr geht von der Krankheit „Botulismus“ aus, sagt Schütz. Dabei handelt es sich um ein Bakterium, dass sich in sauerstoffarmen Gebieten wohlfühlt. „Nehmen Tiere das Bakterium auf, wird ein Gift freigesetzt. Und dann kommt es meistens zu einer regelrechten Epidemie“, sagt Hans-Uwe Schütz. Zuletzt gab es die 2003.

Gewinner und Verlierer der Hitzewelle

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  • Gewinner

    Speiseeishersteller: Eisdielenbesitzer berichten bei Stichproben über glänzende Geschäfte, im Einzelhandel zählt Speiseeis ebenfalls zu den Rennern. Laut der Union der italienischen Speiseeishersteller in Deutschland (Uniteis) ist dieses Jahr vor allem Fruchteis gefragt. „Es ist ein wunderbarer Eis-Sommer“, sagt Uniteis-Sprecherin Annalisa Carnio, meint aber auch: „Am meisten verkaufen wir bei Temperaturen zwischen 20 und 25 Grad Celsius.“ Bei allem, was an Temperaturen darüber liegt, steige eher der Bedarf nach Flüssigkeiten als nach Speiseeis.

    Foto: Wolfgang Kumm
  • Gewinner

    Sonnenschutz-Anbieter: Um sich vor Sonnenbrand zu schützen, ist sowohl auf dem Balkon als auch im Garten oder am Strand ein Mittel unerlässlich: der Sonnenschutz. Egal ob als Sonnensegel, Sonnenschirm, Baldachin oder Markise, Schattenspender aller Art sind bei den sommerlichen Temperaturen sehr gefragt. „Bei den Bereichen Pavillon, Bewässerung, Camping und Grillen verspüren wir einen deutlichen und starken Nachfragezuwachs“, sagte eine Sprecherin der Baumarktkette Hagebau. Gute Nachfrage bestätigen auch viele Fachgeschäfte bei Ventilatoren und Klimageräten.

    Foto: Patrick Pleul
  • Gewinner

    Sonnencreme-Hersteller: Die Sonnenstrahlung sorgt nicht nur für gesunde Bräune, sondern verursacht auch Sonnenbrand - und im schlimmsten Fall Hautkrebs. Sonnencremes stehen daher laut Einzelhandel hoch im Kurs.

    Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand
  • Gewinner

    Getränkewirtschaft: Hitze macht durstig. Das hat auch in den vergangenen Sommerwochen die Absätze von Bier deutlich nach oben getrieben. „Gerade auch die alkoholfreien Sorten sind derzeit äußerst gefragt“, sagt Marc-Oliver Huhnholz, Sprecher beim Deutschen Brauer-Bund. „Wir blicken sehr optimistisch auf dieses Geschäftsjahr.“

    Die Fußball-Weltmeisterschaft und das Sommerwetter haben schon im ersten Halbjahr den Bierabsatz angekurbelt. Er stieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 0,6 Prozent oder 0,3 Millionen Hektoliter, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Brauereien und Bierlager setzten damit rund 47,1 Millionen Hektoliter Bier ab.

     

    Foto: Sina Schuldt
  • Verlierer

    Landwirtschaft: Die Bauern haben große Angst um ihre Ernte. Was für ambitionierte Freizeitgärtner schon eine Herausforderung ist, treibt vielen Landwirten angesichts verdorrender Felder Kummerfalten auf die Stirn. Bauernverbände rechnen etwa bei der Getreideernte in vielen Regionen des Landes mit Ausfällen. Bauernverbands-Präsident Joachim Rukwied fürchtet gar ein „existenzbedrohendes Ausmaß“ in Teilen der Bundesrepublik.

    Foto: Julian Stratenschulte
  • Verlierer

    Wälder: Wegen Trockenheit gibt es in Teilen Deutschlands Warnungen vor Waldbränden. In Niedersachsen etwa besteht fast landesweit allerhöchste Bandgefahr, in Brandenburg bei Fichtenwalde standen jüngst schon Wälder in Flammen. Die geringen Niederschläge der vergangenen Wochen und die stark gestiegenen Temperaturen haben die Bäume bereits in Mitleidenschaft gezogen. Besonders hoch ist die Gefahr entlang von Straßen- und Wegböschungen sowie an Waldrändern und Hecken, wo vertrocknete Gräser und Stauden leicht in Brand geraten können.

    Foto: Jan Woitas
  • Verlierer

    Binnenschiffahrt: Wegen der extremen Hitze und Trockenheit sinken die Pegelstände stark. Deshalb müssen etliche Schiffe mit deutlich weniger Ladung fahren als sonst, wie Rolf Nagelschmidt vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Köln sagt.

    Foto: Frank Rumpenhorst
  • Verlierer

    Kraftwerke: Mehrere Kraftwerke mussten nach der tagelangen Hitze gedrosselt werden. Denn so gelangt weniger Witze über Kühlwasser in Flüsse. Auch hieß es kürzlich aus einem Kraftwerk aus Nordrhein-Westfalen, dass die Wassertemperatur im Kühlturm wegen der Hitze zu hoch gewesen sei.

    Foto: Paul Zinken
  • Verlierer

    Fische: Fische sterben, wenn das Wasser immer wärmer wird. „Spätestens ab 28 Grad ist mit Schädigungen der Gewässerbiologie zu rechnen“, sagt Holger Sticht vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Einige Fische in Flüssen suchten sich kühlere Orte zum Laichen und brächten so ihren natürlichen Takt durcheinander. „Problematischer ist die Lage in Stillgewässern und kleineren Fließgewässern“, sagt Fischereibiologe Olaf Niepagenkemper. Wenn es wärmer wird, könne das Wasser weniger Sauerstoff aufnehmen.

    Ein tausendfaches Fischsterben am Rhein ist nach Experteneinschätzung kaum noch abzuwenden. „Ich rechne schon nächste Woche mit der Tragödie“, sagte der Geschäftsführer des schweizerischen Fischereiverbandes, Philipp Sicher. Der Rhein habe westlich des Bodensees bereits 25 Grad Wassertemperatur.

    Foto: Thomas Frey

Die Mitarbeiter der Biologischen Station können einen solchen Ausbruch kaum verhindern, doch Besitzer von Vogeltränken können laut Hans-Uwe Schütz etwas tun. „Mindestens einmal täglich sollte frisches Wasser in die Tränken. Das sorgt für eine gewisse Hygiene“, so der Biologe.

Die Wetterprognosen betrachten Hans-Uwe Schütz und seine Mitstreiter mit Sorge. Schon ein Gewitterschauer würde helfen, um das Wasser wieder mit Sauerstoff zu versorgen und die Wassertemperatur zu senken. „Doch ein westfälischer Landregen bringt natürlich deutlich mehr. Und der macht nicht so viel kaputt.“

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