Jochen Schweitzer gründete Initiative gegen Kinderarmut
„Die Arbeit fängt jetzt an“

MÜNSTER-COERDE -

Coerde ist schön. Aber viele Coerder Kinder sind arm. Ein Fachmann sucht nach den Gründen und bietet Hilfen an.

Mittwoch, 23.01.2019, 05:30 Uhr aktualisiert: 23.01.2019, 06:03 Uhr
Viele Probleme Coerdes sind auf dem Hamannplatz erkennbar. Die neue Initiative gegen Kinderarmut wünscht sich dort ein Bürgerzentrum.
Viele Probleme Coerdes sind auf dem Hamannplatz erkennbar. Die neue Initiative gegen Kinderarmut wünscht sich dort ein Bürgerzentrum. Foto: jans

Jochen Schweitzer macht sich keine Illusionen. „Die Arbeit fängt jetzt an“, sagt er. Für eine solide Grundlage dieser Arbeit hat der 76-jährige ehemalige Oberschulrat, Hochschul- und Berufsschullehrer aber gesorgt. Seit August 2018 untersuchte er, alarmiert durch einen Artikel unserer Zeitung, die Kinderarmut in Coerde.

„Ich habe angefangen zu recherchieren“, so Schweitzer, der seit gut fünf Jahren in Coerde lebt. Das Ergebnis liegt jetzt vor: Schweitzer hat ein 42-seitiges Papier erstellt, in dem er die Situation armer Kinder im Stadtteil detailliert schildert – und Lösungswege aufzeigt. Ausgehend von Zahlen des städtischen „Sozialmonitoring“ des letzten Jahres schildert Schweitzer zunächst in einem Grundlagenpapier die Ausgangslage in Coerde. Ein „zweigeteilter Stadtteil“ sei dies, betont er. Einerseits gebe es viele schöne Häuser und Eigenheime, andererseits eine große Anzahl oft heruntergekommener Wohnblöcke mit Sozialwohnungen. Dort sei praktische jedes Kind „von besonderer Armut betroffen“, heißt es in dem Papier.

Dennoch sei der Stadtteil in puncto Kinderbetreuung personell und materiell genauso ausgestattet wie beispielsweise das wohlhabendere Kreuzviertel. „Kein so großer Stadtteil wird in Münster so stark benachteiligt wie Coerde“, findet Schweitzer daher.

Problemlage

Er sprach angesichts dieser Problemlage mit über 70 „Fachkräften, Experten, Beteiligten und Betroffenen“ vor Ort. Die Ergebnisse dokumentiert das Papier auch in einer Fülle von anonymisierten Zitaten: Betroffene Fachkräfte sind stark belastet – und für die Situation nicht verantwortlich zu machen. Schweizers Kritik richtet sich vielmehr gegen politische und bürokratische Hemmnisse, die für ihn die Situation in Coerde verursachen. Er fordert unter anderem eine gerechtere Mittelverteilung, aber auch eine wirksamere Unterstützung der Helfer vor Ort. „Die armen Kinder von Coerde sind nicht selbst schuld“, schreibt Schweitzer. Im Gespräch verweist er darauf, dass vor Ort Kinderarmut gerne als Tabu-Thema behandelt werde.

Das wollen Schweitzer und viele Gleichgesinnte, die er teilweise bei seinen Gesprächen kennen lernte, jetzt ändern. Sie riefen eine „Initiative gegen Kinderarmut“ für Coerde ins Leben. Über einen weniger sperrigen Titel werde derzeit noch gegrübelt, betont Schweitzer. Angedacht sei „Chancen für alle Coerder Kinder“ (Chack). Mittelfristig setzt sich die Initiative für die Schaffung eines Bürgerzentrums ein, in dem Beratung und Betreuung gebündelt und unabhängig von Sprechstunden stattfinden können.

Etappenziel

Ein Etappenziel auf diesem Weg sei aber zunächst die regelmäßige Versorgung von Kindern mit gutem Essen.

Ideal wäre für Schweitzer der Bau des angestrebten Bürgerzentrums auf dem Hamannplatz mitten in Coerde. „Man kann ihn gut gestalten“, betont Schweitzer auch angesichts der geplanten Veränderungen auf diesem Platz. Schweitzer ist aber auch für andere zentrale Standorte für das erhoffte Bürgerzentrums offen.

Wichtig sei es nun, die neue Initiative gegen Kinderarmut in Coerde möglichst weit bekannt zu machen. Dazu soll es Info-Stände und viele Gespräche geben, betont Schweitzer. „Das darf keine Eintagsfliege werden“, erklärt er mit Blick auf die Idee eines Bürgerzentrums, aber auch auf die gesamte Initiative.

Schweitzers Papier zur Kinderarmut in Coerde kann von der Homepage der Initiative heruntergeladen werden. Dort gibt es auch weitere Informationen.

 

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