Gievenbeck
Wandbilder sollten vom Tod ablenken

Montag, 12.09.2011, 22:09 Uhr

Münster-Gievenbeck - Der Mittelrisalit wäre eines Haupteingangs würdig. Doch so imposant die Fassade des ehemaligen Standortlazaretts zur Von-Esmarch-Straße 58 hin gelegen auch sein mag, Personal, Patienten und Besucher fanden ab 1938 von der Hausnummer 54 bis 56 Einlass in das monumentale Krankenhaus. Die vom münsterischen Architekten Hans Ostermann entworfene Fassade lag dagegen in einer Grünanlage. Die heutige Umfahrung vor dem Eingang zur Hautklinik kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg zustande, als das Gebäude in ein britisches Militärkrankenhaus und einen Ersatz für das zerstörte Clemenshospital geteilt wurde.

Fundiert und lebhaft berichtete Ulrich Gietzen , der in Köln an seiner Doktorarbeit über ehemalige Standortlazarette arbeitet, am Tag des offenen Denkmals aus der kurzen Geschichte der münsterischen Einrichtung. Deren Grundzüge entstammten noch der Preußischen Militärbauordnung aus dem 19. Jahrhundert, sagte Gietzen und schmunzelte: „Ich könnte Ihnen fünf Stunden lang etwas über das Gebäude erzählen.“

Der Bau des Lazaretts entsprang der bewussten Wiederaufrüstung des deutschen Reichs durch die Nationalsozialisten. Es sei Teil eines landesweiten „aberwitzigen Bauprojekts“ gewesen, in dessen Zuge 63 Krankenhausbauten entstanden seien, schilderte Gietzen. Münsters Gebäude mit seinen 240 Metern repräsentativer Schaufläche zur Von-Esmarch-Straße sei eines der kleineren davon.

Dafür gab es strenge Vorgaben. Zimmergröße, Fensterformen, die Ausrichtung des Gebäudekomplexes - alles war vom zentralen Heeresbauamt vorgeschrieben. Sonnenbeschienene nach Süden ausgerichtete Balkone sollten dabei ebenso zur Erholung der Patienten dienen wie Loggien an der Nordseite. Hans Ostermann kam ins Spiel, weil Berlin den örtlichen Behörden bei den Fassaden und der künstlerischen Ausführung im inneren eigene Gestaltungsmöglichkeiten einräumte. „Übrigens hat das Gesetz über Kunst am Bau aus dem Jahr 1934 noch heute Bestand“, berichtete Gietzen.

Ostermann verlieh der Lazarettfassade mit Ibbenbürener Sandstein eine münsterländische Note. Die Skulpturen im Giebel schuf der Angelmodder Künstler Hermann Kissenkötter. Bemerkenswert seien der relativ klein gehaltene Reichsadler und die Darstellung von unbewaffneten, ermatteten antiken Heroen. Überhaupt seien im münsterischen Lazarett nur vergleichsweise wenige Reichsinsignien zu sehen gewesen, sagte Gietzen.

Ein künstlerisches Kleinod wurde erst im vergangenen Jahr bei Bauarbeiten wieder entdeckt. Der Kunstmaler Ernst Bahn hatte 1937 den Auftrag erhalten, den Eingangsbereich des Lazaretts mit dekorativen Wandgemälden auszustatten. Die sechs monumentalen figürlichen Wandbilder „Heilkräfte der Natur“ überdauerten den Krieg, wurden danach aber mehrmals überstrichen. Eines der Gemälde wurde jetzt freigelegt. Es zeigt eine junge Frau in einem lang fallenden Gewand, die mit der rechten Hand den Ast eines blühenden Baums herunterbiegt. Die jugendlichen und heroisierenden Wandbilder sollten keine Gedanken an den Alltag im Lazarett, Verwundung oder Tod aufkommen lassen. Um weitere Elemente freizulegen, fehle bislang das Geld, bedauerte Gietzen. Der gesamte Zyklus sei im Stadtmuseum zu sehen.

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