Wartburgschule ist seit 2009 ein Denkmal
Steinernes Zeugnis einer Bau-Ära

Münster-Gievenbeck -

Dass der Idealismus vor dem schnöden Mammon regierte – diese Zeiten sind im Staate längst vorbei. Doch es gab eine solche Ära. Sie fiel in die Zeit des Wirtschaftswunders, währte zwar nicht lange, hat aber auch in Münster Spuren hinterlassen. Sogar steinerne Spuren: zum Beispiel die Wartburgschule, die seit 2009 unter Denkmalschutz steht.

Montag, 02.09.2013, 20:09 Uhr

Die Wartburgschule ist Zeugnis einer Zeit, in der im Schulbau Idealismus vor Wirtschaftlichkeit Priorität hatte.
Die Wartburgschule ist Zeugnis einer Zeit, in der im Schulbau Idealismus vor Wirtschaftlichkeit Priorität hatte. Foto: mfk

Als Münster auch wegen des Zustroms von Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs, ist nicht nur der Bau neuer, insbesondere evangelischer Kirchen wie der Lukaskirche (die WN berichteten) notwendig geworden. Auch neue Schulen mussten her. So wurde im damals neu entstehenden Wohngebiet westlich des Schlosses eine neue Schule geplant, die zusammen mit der Lukaskirche einen städtebaulichen Akzent bilden sollte.

Aufgrund dieser städtebaulichen Besonderheit besteht laut der städtischen Denkmalbehörde ein öffentliches Interesse am Erhalt und der Nutzung der Wartburgschule . Der eigentliche Grund für ihren Denkmalschutz aber ist ein anderer: Ihr Bau fiel in die rund 13 Jahre andauernde Ära, in der die „Fredeburger Leitlinien“ für neue Schulgebäude galten.

1949 hatte die „Fredeburger Konferenz“ diese Regeln auf den Weg gebracht – als Reaktion auf die Zeit des Nationalsozialismus. Denn nach dem Krieg setzte sich die Überzeugung durch, dass eine Demokratie nur durch eine auch demokratisch erzogene Jugend realisiert werden könne. Dazu sollte auch die Architektur ihr Scherflein beitragen: Neue Schulen sollten das „Verlangen nach Raum, Licht, Luft und Schönheit wecken“, zugleich aber auch Schutzraum sein, heißt es im Denkmal-Auszug der Stadt.

Nach einer kontroversen Diskussion goss der Landesgesetzgeber die „Leitlinien“ 1954 auch in eine Norm: in die „Richtlinien für den Bau von Volks-, Real- und Höheren Schulen für das Land Nordrhein-Westfalen“. Sie verlangten zum Beispiel große Grundstücke, großzügig bemessene Verkehrsflächen und eine ansprechende künstlerische Gestaltung. Auch wenn Neubauten deshalb kostspielig waren, sei die Gesellschaft bereit gewesen, sie zu tragen, weil nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur pädagogische Gesichtspunkte Vorrang vor wirtschaftlichen hatten, so die Denkmalpfleger. Nicht zuletzt seien damals aufgrund des „Wirtschaftswunders“ auch die materiellen Voraussetzungen gegeben gewesen.

Den Bauantrag für die Wartburgschule reichte Architekt Lorenz Fehige 1959 bei der Stadt Münster ein. Der eigentliche Bau erfolgte in zwei Abschnitten von 1960 bis 1968 als Teil des zweiten umfangreichen Schulbauprogramms der Stadt Münster. 1976 wurde schließlich noch ein Verwaltungstrakt angebaut und ein zusätzlicher, allein stehender Klassentrakt errichtet.

Die Wartburgschule erfüllte die Forderungen der Richtlinie in mehrfacher Hinsicht: Sie verfügte über ein großes Außengelände mit Gymnastikwiese, Schulgarten und Grünbereich, eine geschlossene Pausenhalle, große Fensterfronten und Klassenräume, die von zwei Seiten Licht und Frischluft erhielten nach dem sogenannten Schusterprinzip. Summa summarum sei die Schule ein „bedeutendes Dokument eines neuen Schultyps und architekturgeschichtlich bedeutend“, resümieren die städtischen Denkmalpfleger.

Die „idealistische Phase“ in der Schularchitektur endete übrigens schon Mitte der 1960er-Jahre wieder. Aufgrund steigender Schülerzahlen und einer materialistischeren Einstellung der Gesellschaft wurde der Schulbau zunehmend rationalisiert. Die Richtlinien von 1954 hat die Landesregierung schließlich mit dem „Rastererlass“ 1967 außer Kraft gesetzt.

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Beim Tag des offenen Denkmals am Sonntag (8. September) können die Wartburgschule und die Lukaskirche besichtigt werden. Das Thema der Führung lautet „Aufbruch in Gievenbeck in den 1950er-Jahren“. Treffpunkt ist um 14 Uhr an der Lukaskirche, Von-Esmach-Straße 1.

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