100 Jahre Waldorf-Pädagogik
Mit Herz, Hand und Verstand

Münster-Gievenbeck -

In zahlreichen Waldorfschulen wird das Jubiläum 100 Jahre Waldorf-Pädagogik gefeiert. Auch in Münsters Waldorfschule in Gievenbeck. In einem Interview äußern sich Schulleiter Herbert Terhaar, Pädagoge Rembert Schulte und Imke Dange (Öffentlichkeitsarbeit) beispielsweise über die Zukunft ihrer Bildungseinrichtung.

Freitag, 17.05.2019, 18:34 Uhr
Sprachen über 100 Jahre Waldorf-Pädagogik und den Schulstandort in Gievenbeck (v.l.): Rembert Schulte (Pädagoge), Imke Dange (Öffentlichkeitsarbeit) und Herbert Terhaar (Schulleiter)
Sprachen über 100 Jahre Waldorf-Pädagogik und den Schulstandort in Gievenbeck (v.l.): Rembert Schulte (Pädagoge), Imke Dange (Öffentlichkeitsarbeit) und Herbert Terhaar (Schulleiter) Foto: Kay Böckling

100 Jahre Waldorf-Pädagogik – ein Jubiläum, das in zahlreichen Waldorfschulen nicht nur in Deutschland, sondern fast weltweit gefeiert wird. Seit den 1990er-Jahren wird auch in Gievenbeck nach diesem alternativen Schulsystem gelehrt. Über diese Pädagogik, den Standort in Gievenbeck und die Zukunft der Schule sprach unser Redakteur Kay Böckling mit Schulleiter Herbert Terhaar , Pädagoge Rembert Schulte und Imke Dange (Öffentlichkeitsarbeit).

Herr Terhaar, 100 Jahre Pädagogik, wie begann alles? Und was waren die Hintergründe?

Terhaar: Die erste Schule wurde in Stuttgart gegründet. Der Gründer dieser Schule hieß Emil Molts. Er war der Besitzer der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Er hat die Schule für die Arbeiterkinder auf dem Gelände seiner Fabrik gegründet.

Mit welchem Ziel?

Terhaar: Die Kinder der Arbeiter angemessen auszubilden.

Inwiefern unterschied sich diese Schule dann von der ehemaligen Regelschule?

Terhaar: Insofern, dass Jungen und Mädchen sowie Kinder aus allen Schichten der Bevölkerung gemeinsam unterrichtet wurden – unabhängig von ihrer Begabung in der selben Klasse. Das war damals schon etwas Besonderes.

Können Sie kurz umreißen, inwieweit sich die Waldorf-Pädagogik heute von der Regelschule unterscheidet?

Terhaar: Wir sind eine Gesamtschule, die allen Kindern offen steht und in der die individuelle Entwicklung der Kinder und deren ganzheitliche Ausbildung im Vordergrund steht. Das Unterrichtsangebot an unserer Schule ist breiter aufgestellt als an staatlichen Schulen. Neben den obligatorischen Fächern unterrichten wir auch noch viele künstlerische und handwerkliche Fächer, ganz nach dem Motto „Lernen mit Herz, Hand und Verstand“. Dies schlägt sich auch in vielen Praktika und Theaterstücken nieder.

Wie werden die Leistungen der Kinder beurteilt?

Terhaar: Hier gibt es zunächst kein Notensystem. Unsere Schüler bekommen am Ende eines Schuljahres eine sehr differenzierte Beurteilung durch die Klassen- und Fachlehrer für jedes Unterrichtsfach, in der Stärken, Schwächen und Verbesserungspotenziale genau benannt werden. Das „Sitzenbleiben“ gibt es an unserer Schule auch nicht. Die Schüler „wandern“ in einer Lerngruppe, in der sie sich wohlfühlen durch ihre gesamte Schulzeit, ohne Angst davor haben zu müssen, ein Schuljahr zu wiederholen. Auch das ist ein bezeichnendes Element unserer Schule.

Aber nach Verlassen der Waldorfschule werden die jungen Erwachsenen zwangsläufig mit Noten konfrontiert – sei es im Studium oder der Berufsschule. Ist da die Umgewöhnung nicht problematisch?

Schulte: Eigentlich nicht. Im Laufe der Oberstufe halten Zensuren immer mehr und mehr Einzug. Eben aber nicht mit der Bedeutung „bei zwei Fünfen bleibst Du sitzen“. Die zentralen Abschlüsse werden genauso benotet wie an staatlichen Schulen, und unsere Schüler schneiden im Vergleich nicht schlechter ab, und wir beobachten, dass unsere Schüler wie Absolventen staatlicher Schulen erfolgreich ein Studium oder eine Ausbildung abschließen.

Welche Abschlüsse kann ich hier machen?

Terhaar: Wir sind eine Gesamtschule von der ersten bis zur 13. Klasse. Mehr als die Hälfte unserer Schüler verlässt unsere Schule nach der 13. Klasse mit dem Abitur. Alle anderen erlangen nach der elften Klasse die Fachoberschulreife. Besonders ist an unserer Schule der Waldorfabschluss nach der zwölften Klasse, für den die Kinder selbstständig ein großes Theaterstück auf die Bühne bringen, ein Projekt theoretisch und praktisch durchführen und etwas eigenkonzipiertes Künstlerisches vorstellen.

Stichwort Abitur: Andere Gymnasien kehren von G8 zu G9 zurück. Wie ist das hier?

Terhaar: Wir haben das Abitur stets nach der Jahrgangsstufe 13 angeboten, da unsere Schüler die Fachoberschulreife aufgrund des breiteren Fächerkanons und der vielen Praktika erst nach der elften Klasse erwerben. Daher müssen wir uns nicht umstellen.

Seit wann gibt es die Waldorfschule in Gievenbeck?

Schulte: Diese Schule begann 1983 am Laerer Landweg mit sechs Klassen. 1992 sind wir in das neu errichtete Gebäude in Gievenbeck gezogen. Als nämlich klar wurde, dass mehr Platz benötigt wird, haben Lehrer und Eltern dieses Gebäude gebaut.

Sie haben sich als Institution an diesem Standort etabliert. Fühlen Sie sich in Gievenbeck wohl? Und: Ist die Dezentralität eher ein Vor- oder Nachteil?

Schulte: Ein wenig von beidem. Nachteil: Man merkt es schon am Sprachgebrauch, wenn von der „Waldorfschule Gievenbeck“ die Rede ist. Dabei ist es die Waldorfschule für Münster und den Umkreis. Unsere Schüler rekrutieren sich aus einem Umkreis von bis zu 50 Kilometern. Aber hier haben wir ein tolles Gebäude und sind von Grün umgeben. Das ist ein idealer Standort hier. Er ist von der Infrastruktur her super zu erreichen.

Sie haben auch Kooperationen mit lokalen Akteuren. Früher war es der „Kultur-Kontakt“, heute ist es „Kultur erleben“. Es ist kein Geheimnis, dass es in früheren Zeiten zu Differenzen kam. Was war der Grund und wie sieht es heute aus?

Terhaar: Begründet waren die Differenzen durch den Umstand, dass es häufig zu Termin-Kollisionen kam. „Kultur-Kontakt“ beanspruchte den Saal häufig zur selben Zeit wie die Schule. Das haben wir jetzt nicht mehr. Wir haben eine sehr gute Zusammenarbeit. Der Vorstand von „Kultur erleben“ setzt sich zusammen aus Eltern, Lehrern und Akteuren aus dem Stadtteil. Das funktioniert gut.

Gerade kulturelle Veranstaltungen sorgen für eine breite Popularität der Waldorfschule. Wären da nicht weitere Kooperationen von Vorteil, zum Beispiel mit Sportvereinen?

Dange: Die gibt es ja. Unsere Sporthalle wird intensiv vom TSC Münster-Gievenbeck und anderen Vereinen genutzt. Jeden Nachmittag, wenn die Schule zu Ende ist, ist die Halle voll. Umgekehrt dürfen auch wir die Außenanlagen des TSC mitbenutzen.

Wie viele Schüler haben Sie eigentlich

Terhaar: 415 Schüler besuchen unsere Waldorf-Schule. Zudem haben wir eine offene Ganztagsschule, unser Bienenhaus, für die erste bis sechste Klasse, in der die Schüler nach dem Unterricht bis in den Nachmittag betreut werden.

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