Der wilde Westen
Auf den Spuren des Bergbaus

Münster-Gievenbeck -

Dr. Wilhelm Bauhus ist Leiter der Arbeitsstelle Forschungstransfer der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU). Die kümmert sich seit 1985 um den „Wissens-Austausch“ zwischen Uni und Gesellschaft. Dieser Transfer, an dem unter anderem Ortshistoriker großen Anteil haben, führte auch dazu, dass man heute mehr von den wilden Zeiten in Münsters Westen weiß. „Hier gab es mal „goldrauschhafte Zustände“, so Bauhus. Geschürft wurde aber kein Gold, sondern Strontianit.

Mittwoch, 01.01.2020, 17:16 Uhr aktualisiert: 02.01.2020, 17:54 Uhr
Wilhelm Bauhus, Leiter der Arbeitsstelle Forschungstransfer der Uni Münster, steht vor der Wiese, auf der einst ein Bergwerk stand. Im Hintergrund: Haus Mariengrund.
Wilhelm Bauhus, Leiter der Arbeitsstelle Forschungstransfer der Uni Münster, steht vor der Wiese, auf der einst ein Bergwerk stand. Im Hintergrund: Haus Mariengrund. Foto: jans

Der wilde Westen liegt im Nieselregen. So richtig wild sehen der Hügel und das Feld dahinter eigentlich nicht aus. Dr. Wilhelm Bauhus zieht den Reißverschluss seiner Wetterjacke hoch. Er schaut zum Haus Mariengrund hin­über, das auf der anderen Seite des Ackers liegt, und erzählt von aufregenden Zeiten.

Bauhus ist Leiter der Arbeitsstelle Forschungstransfer der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU). Die kümmert sich seit 1985 um den „Wissens-Austausch“ zwischen Uni und Gesellschaft. Dieser Transfer, an dem unter anderem Ortshistoriker großen Anteil haben, führte auch dazu, dass man heute mehr von den wilden Zeiten in Münsters Westen weiß.

„Hier gab es mal „goldrauschhafte Zustände“, so Bauhus. Geschürft wurde aber kein Gold, sondern Strontianit. Das durchscheinende, kristalline Mineral brauchte man einst dringend für süße Sachen: Bei der Produktion von Rübenzucker ließen sich durch Strontianit-Einsatz bessere Erträge erzielen. Unter dem Gievenbecker Acker und der angrenzenden Neubausiedlung liegen die Schächte der ehemaligen Strontianit-Bergwerke „Bertha 1“ und „Bertha 2“. Es sind die einzigen Zechen, die es je in Münster gab.

Strontianit: Danach wurde in Gievenbeck geschürft

Strontianit: Danach wurde in Gievenbeck geschürft Foto: jans

1834 wurde auf einem Nienberger Acker das erste Strontianit im Münsterland gefunden. Justus von Liebig untersuchte es in Berlin. Wenige Jahre danach brach der Rausch los: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden über 600 Strontianit-Bergwerke in der Gegend. „Das war für das Münsterland etwas ganz Neues“, weiß Bauhus.

Ein Zentrum des Abbaus war die Region um Ascheberg, aber es gab eben auch „Bertha 1“ und „Bertha 2“, betrieben von zwei Unternehmern aus Köln. Für beide Bergwerke wurde 1881 vom Amt Roxel eine „Bergbauakte“ ausgestellt.

Beim Strontianit-Abbau winkte schnelles Geld für Investoren und für jene, die in den Minen arbeiteten. Bis zu 40 Personen schufteten in den Gievenbecker Bergwerken in bis zu 40 Metern Tiefe, schätzt der Wissenschaftler. Der Strontianit-Abbau war gefährlich und ungeplant. Reichlich Alkohol sollte die schwere Arbeit erträglicher machen – im Stollen und nach Feierabend.

Einige Jahrzehnte später war der Rausch dann allerdings in jeder Hinsicht vorbei. Zwischen 1893 und 1894 beendeten die Kölner den Abbau in Gievenbeck. Strontianit war für die Zuckerherstellung nicht mehr gefragt. Ein Bergwerk in der Region lieferte allerdings noch bis 1945 Strontianit, das nicht nur beim Verbrennen in Feuerwerkskörpern rote Farben an den Himmel zaubert, sondern auch in Leuchtspurmunition Verwendung fand.

Nur der eingangs erwähnte Hügel, eine einstige Abraumhalde, oder „Mergelberg“, erinnert in Gievenbeck noch an den Bergbau. „Mergelberg“ heißt auch die Straße, die heute dort verläuft.

Unterirdische Relikte des Strontianit-Abbaus gibt es aber noch. Das Institut für Geophysik der Uni Münster stellte 2011 Messungen an, um die Lage der einstigen Stollen in Erfahrung zu bringen. Die bis zu 390 Meter langen Gänge erstrecken sich sowohl unter dem Acker beim Haus Mariengrund als auch unter Gievenbecker Neubaugebieten. „Bertha 1“ wurde zwar nach der Schließung verfüllt, das südlicher gelegene Bergwerk „Bertha 2“ aber nicht. Dieses Areal wurde allerdings überbaut. Bauhus rechnet daher mit Bergschäden: „Das kann durchaus passieren“.

Der Wissenschaftler ( ✆ 02 51 / 83 32 279) wünscht sich aus der Bevölkerung weitere Hinweise und insbesondere Fotos zum Strontianit-Abbau in Gievenbeck. Die Arbeitsstelle Forschungstransfer wählte das ehemalige Bergbaugebiet an der Straße „Mergelberg“ im Rahmen des Projekts „Expedition Münsterland“ als sogenannten „X-Ort“ aus. Damit sind Orte gemeint, die eine verborgene Geschichte haben. In Gievenbeck gibt es noch mehrere weitere dieser „X-Orte“. Wir stellen sie in einer dreiteiligen Serie vor.

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