X-Orte im Westen
Spuren einer enormen Explosion

Münster-Gievenbeck -

Im Rahmen des Projekts „Expedition Münsterland“ erforscht die Arbeitsstelle Forschungstransfer der Westfälischen Wilhelms-Universität unbekannte Plätze. Unsere Zeitung stellt die Gievenbecker „X-Orte“ in einer kleinen Serie vor.

Dienstag, 07.01.2020, 07:04 Uhr aktualisiert: 08.01.2020, 17:42 Uhr
An dieser Mauer der Oxford-Kaserne ereignete sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine verheerende Benzin-Explosion. Rötungen im Mauerwerk erinnern noch daran. Dr. Wilhelm Bauhus (kl. Bild) leitet die Arbeitsstelle Forschungstransfer der Westfälischen Wilhelms-Universität. Sein Büro erinnert an ein kleines Museum.
An dieser Mauer der Oxford-Kaserne ereignete sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine verheerende Benzin-Explosion. Rötungen im Mauerwerk erinnern noch daran. Dr. Wilhelm Bauhus (kl. Bild) leitet die Arbeitsstelle Forschungstransfer der Westfälischen Wilhelms-Universität. Sein Büro erinnert an ein kleines Museum. Foto: jans

Die leichte Steigung ist ein harter Gegner. Im Nieselregen strampelt ein Radfahrer in Richtung Roxel an der Oxford-Kaserne vorbei. Er hat keinen Blick für den Gebäudekomplex – und für dessen Mauer schon gar nicht. Aber auch hier ist einer jener „X-Orte“ in Gievenbeck, die wir in einer kleinen Serie vorstellen. Solche unbekannten Orte erforscht das Projekt „Expedition Münsterland“ der Arbeitsstelle Forschungstransfer der Westfälischen Wilhelms-Universität in der ganzen Region.

Dr. Wilhelm Bauhus leitet die Arbeitsstelle. Sie kümmert sich seit 1985 um den „Wissens-Austausch“ zwischen Uni und Gesellschaft. Ortshistoriker und Zeitzeugen spielen dabei eine Rolle, aber auch Lokalzeitungen. Dafür ist der „X-Ort“ an der Oxford-Kaserne ein gutes Beispiel. Bereits 2015 verriet eine damals 80-jährige Gievenbeckerin der WN-Redakteurin Ellen Bultmann, was wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor der damals von britischen Soldaten genutzten ehemaligen Luftwaffenkaserne geschah.

Die Zeitzeugin war damals zehn Jahre alt. Sie lebte gegenüber der Kaserne. Eines Tages wollte das Kind einen Onkel in der Nachbarschaft besuchen. Vor der Kaserne wurde die Roxeler Straße durch eine Teermaschine ausgebessert. „Als ich gerade zum Haus meines Onkels gehen wollte, sah ich einen Panzer kommen. Der fuhr seltsam ‚eckig‘ und wich ungeschickt der Teermaschine aus“, so die Frau.

Entlang der Kasernenmauer waren „ungefähr 10 000 gefüllte Benzinkanister“ als Treibstoffvorrat für die Fahrzeuge der Briten gelagert. Das Mädchen sah, wie der Panzer in einen Stapel dieser Kanister fuhr: „Dann lief das Benzin zur Teermaschine und sofort brannte alles fürchterlich.“

Es gab zwei Todesopfer auf der Maschine, vielleicht sogar drei. In einem lebensgefährlichen Kampf gegen die Zeit räumten Mitglieder der Feuerwehr gemeinsam mit Soldaten viele Kanister weg, damit die nicht auch noch explodierten. In der enormen Hitze färbten sich Eisen-Spuren in der Sandsteinmauer am Explosionsort östlich des Haupteingangs der Kaserne rot. Noch heute ist diese Verfärbung zu erkennen. Ein „X-Ort“, den täglich viele, viele Pendler passieren.

Arbeitsstellenleiter Bauhus kennt zahlreiche solcher Plätze im ganzen Münsterland. In seinem Büro, dass ein bisschen aussieht wie ein gemütliches Museum, erläutert der Wissenschaftler die zentrale Aufgabe der Arbeitsstelle. Sie soll Wege finden, wie an der Universität erarbeitetes Wissen der Gesellschaft und der Wirtschaft zur Verfügung gestellt werden kann.

Als Einbahnstraße sieht der in Roxel wohnende Chef der Arbeitsstelle diese Zielsetzung aber nicht. Für ihn entsteht die Wissensvermittlung aus der Zusammenarbeit mit den so genannten „Bürgerwissenschaften“, sprich: mit dem Wissen all jener Menschen, die vor Ort über bestimmte Themen gut Bescheid wissen. Zu ihnen sucht und hält die Arbeitsstelle im Rahmen ihrer Projekte Kontakt.

Insbesondere nach Zeitungsveröffentlichungen gebe es entsprechende Rückmeldungen, beispielsweise von Ortshistorikern oder Heimatvereinen so Bauhus: „Das funktioniert gut.“ Mit Blick auf solche Zeugen und Experten sagt er: „Die haben das langjährige, gesammelte Wissen über Orte, Strukturen und Ressourcen, die wir nie kennenlernen würden.“ Auch die Schilderung des Unfallhergangs an der Oxford-Kaserne dürfte dafür ein Beispiel sein.

Weitere Infos zur „Expedition Münsterland“ gibt es unter https://www.uni-muenster.de/Expedition-Muensterland im Netz. Und wer als „Bürgerwissenschaftler“ spezielle Kenntnisse über lokale Besonderheiten hat, kann auch in der Arbeitsstelle Forschungstransfer anrufen: ✆ 02 51 / 83 32 279.

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