„Büffeln“ mit dem Lernstudio in Corona-Zeiten
Jogginghose bei TV-Konferenz tabu

Münster-Gievenbeck -

Viele sprechen von den „Corona-Ferien“. Doch auch die Tatsache, dass die Schulen aktuell geschlossen sind, ist nicht gleichbedeutend mit Faulenzen. Lernen ist angesagt. Dabei helfen verschiedene Institutionen.

Montag, 30.03.2020, 18:32 Uhr aktualisiert: 31.03.2020, 17:24 Uhr
Kader Selmi paukt den Lernstoff mit den Schülern online.
Kader Selmi paukt den Lernstoff mit den Schülern online. Foto: Siegmund Natschke

Und plötzlich fällt die Schule aus. „Coronaferien haben wir nicht“, stellt Kader Selmi vom Lernstudio Gievenbeck allerdings klar. Nachhilfeunterricht ist seine Passion, insgesamt 14 Kollegen sorgen dafür, dass der Stoff „sitzt“. Doch in Coronazeiten ist alles anders als sonst: Die Schüler kommen nicht in die Räumlichkeiten des Lernstudios am Lehmkamp, die Unterrichtsstunden gibt es online. Denn: Kein Schüler soll allein gelassen werden.

Pausenlos klingelt das Telefon bei Kader Selmi. Es sind Eltern, die in dieser schwierigen Zeit Lernunterstützung für ihre Kinder suchen. Aufgaben bekommt der Nachwuchs von der Schule gestellt, doch die persönliche Betreuung ist angesichts des allgemeinen Schulausfalls ganz besonders gefragt. Es sei wichtig, „schulischen Alltag und Normalität in diesen unsicheren Zeiten zu geben“, sagt Kader Selmi. Er und seine Kollegen haben blitzschnell reagiert.

Da auch keine Nachhilfeschüler mehr in das Lernstudio kommen dürfen, ist das Internet die Lösung. „Innerhalb von 48 Stunden haben wir auf Online-Unterricht umgestellt“, erklärt Kader Selmi, der derzeit einen 16-Stunden-Tag hat. Dazu wurden auch neue Computer und Tablets angeschafft. Grundsätzlich hat es die Online-Option schon früher gegeben. Bei kranken Schülern etwa, die nicht persönlich kommen konnten. Auf diese Erfahrungen baut Selmi nun auf.

Das Ganze wird möglich gemacht durch eine Software, die der jeweilige Schüler herunterladen kann. Mit einem eingegebenen Code ist die Verbindung zwischen Lehrer und Schüler sofort da. Jeder sieht den anderen und was er gerade tut. Für einige war das ganz ungewöhnlich. Da sei mal die Katze über die Tastatur gelaufen, oder die Mutter habe im Hintergrund aufgeräumt, sagt Kader Selmi. Das Wichtigste aber: Der menschliche Kontakt bleibt bestehen. „Menschlichkeit ist wichtig“, sagt Selmi. Denn der Nachhilfelehrer sei heutzutage auch Motivator und Mentor.

Gerade in Corona-Zeiten ist das entscheidend. Denn die führt manchmal auch zu Ängsten der Schüler. „Uns geht es gut“, sagt Selmi dann, „aber wir haben die Aufgabe, zu Hause zu bleiben.“ Er legt viel Wert darauf, dass die Schüler nach wie vor eine Tagesstruktur haben. Deswegen sei die Parole ausgegeben worden, bei einer Videokonferenz keine Jogginghose zu tragen. Wer dagegen verstößt, müsse einen Kuchen backen – für die Nach-Coronazeit.

Überwältigt ist der Lernstudio-Inhaber davon, dass die Schüler sich auch gegenseitig motivieren. Da würde der eine den anderen morgens wecken und dafür sorgen, dass er auch aufsteht, und Lerntipps geben, etwa beim gemeinsamen Online-Frühstück. Auch eine „Schmink-Challenge“ gab es schon, bei der sich die Schülerinnen gegenseitig Tricks verrieten. Aus Spaß und weil Kader Selmi die Idee so toll fand, hat der Nachhilfelehrer da gleich mitgemacht.

Es sei ganz schön viel Stoff, den die Schüler von den Schulen mitkriegten. „Da wird viel geackert“, sagt der Selmi. Ob die Mathe-Formel oder die Diskussion im Literaturkurs, alles wird gemeinsam besprochen, auch per Chat. „Wir können auch von den Schülern was lernen“, stellt dabei Kader Selmi fest. Die geben nämlich gerne technische Tipps und brennen geradezu auf den Unterricht. „Wir haben schon alle Folgen von „Games of Throne“ durch“, hat Selmi von seinen Schützlingen gehört. Da kommt die Interpretation von Goethes Faust gerade recht.

Selmi hat versprochen, für seine Schüler da zu sein und Kurse zu verlängern, wenn die Corona-Situation zu weiterem Schulausfall führt. Das ist wichtig in dieser Situation: Der Unterricht führe zur „Stabilisierung“ der Kinder und Jugendlichen. Der normale Alltag helfe den Schülern in diesen schwierigen Zeiten. Und, so glaubt er, wenn sechs Wochen gar nicht gelernt würde, dann sei das wie das Drücken der „Reset“-Taste: Alles wäre weg. 

Ganz besonders wichtig ist das „Dranbleiben“ auch für die derzeitigen Abiturienten. Die Nachricht, dass die Prüfungen in Nordrhein-Westfalen stattfinden sollen, verschickte Selmi an seine Schützlinge sofort per Internet. Und auch wenn alles durch die Technik hervorragend läuft: Nichts wünscht sich Selmi lieber, als dass seine Schüler auch mal wieder persönlich im Lernstudio vorbeischauen könnten. Dass dies einmal wieder möglich wird, davon ist er felsenfest überzeugt:

„Es wird auch wieder eine Nach-Coronazeit geben“, meint Kader Selmi, während das Telefon klingelt.

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