Gespräch mit Franz-Walter Lanwer
„Da kämpft man gegen Windmühlen“

Sieben Lehrer verlassen jetzt das Gymnasium: Über 200 Jahre geballte pädagogische Kompetenz verabschiedet sich in den Ruhestand. „Ja, einen Generationenwechsel“, bestätigt Franz-Walter Lanwer. Mit dem Lateinlehrer sprach WN-Redaktionsleiter Ulrich Reske.

Freitag, 19.07.2013, 17:07 Uhr

Klausuren ade  – das freut Franz Walter Lanwer. In die Schule ist der Grevener Gymnasiallehrer bis zum letzten Tag gerne gegangen
Klausuren ade  – das freut Franz Walter Lanwer. In die Schule ist der Grevener Gymnasiallehrer bis zum letzten Tag gerne gegangen Foto: res

Nach knapp 40 Jahren Schuldienst. . .

Franz-Walter Lanwer: 37,5 Jahre. . . 

. . . gehen Sie in den Ruhestand . Wird Ihnen da nicht etwas mulmig?

Lanwer: Nein, auch deshalb nicht, weil ich mir diesen Schritt bewusst überlegt habe. Ich gehe ja nicht, weil ich die Altersgrenze erreicht habe, sondern ein Jahr eher. Eine bewusste Entscheidung, genau so wie ich den Doppeljahrgang in jedem Fall noch bis zum Ende führen wollte.

Sie blieben also fast bis zur Pensionsgrenze. Viele hören aber deutlich früher auf. Warum ist das im Lehrerberuf so?

Lanwer: Da gib es unterschiedliche Gründe. Was man klar sagen kann: die Belastung ist über die Jahre deutlich gewachsen, auch weil die Anforderungen von außen deutlich zugenommen haben. Ich habe die Arbeit bis heute sehr gerne gemacht.

Und in Greven fing wann alles an?

Lanwer: 1983. Seit 1984 bin ich hier in der Oberstufe. Da hatten wir neulich noch eine nette Situation. Im Hinblick auf die Pensionierung habe ich im Oberstufenteam erzählt, wie lange ich schon hier bin. Da sagte eine der Kolleginnen: Mein Gott, da war ich vier Jahre. Ich persönlich habe davon profitiert, dass ich einerseits gerne unterrichtet habe, andererseits aber die Verwaltungsarbeit hier mache, die ganz andere Anforderungen an mich stellt. Dieser Wechsel hat unterm Strich einen entspannenden Charakter.

Von Arbeitsverdichtung sprechen Sie – ist das ein wesentlicher Unterschied zwischen Ihrem Schulstart in den 70er-Jahren und heute?

Lanwer: Das kann man sicherlich sagen. Das hängt mit unterschiedlichen Dingen zusammen: Ich nenne die zentralen Prüfungen, Abiturstandardisierungen. Das heißt von außen sind Reglementierungen auf uns zugekommen, die wir früher nicht kannten.

Hat die Arbeitsbelastung insgesamt zugenommen?

Lanwer: Ja, die Wochenstundenzahl fällt höher aus, die Möglichkeiten individueller Entlastungen, etwa bei Korrekturen, waren früher größer.

Und auch Ferien sind wohl nicht mehr das, was sie früher mal waren?

Lanwer: Böse Zungen sagen ja, dass wir nur halbtags arbeiten. Denen kann man entgegnen: Dann kann man die Ferien auch nur halb rechnen. Nicht sechs, sondern nur drei Wochen. Meistens schleppt man aber viele Korrekturen mit in die Ferien.

Inwieweit haben sich in Ihrem Zeitraum die Schüler verändert?

Lanwer: Wenn ich in die unteren Klassen gehe, stelle ich fest: Sie sind lebhafter, unkonzentrierter. Im Lateinunterricht merke ich, dass die Memorierfähigkeit deutlich nachgelassen hat. Sie sind nicht weniger leistungsfähig, aber anders gepolt als früher. Ein Indiz auch für die mediale Überfütterung.

Und das Rezept des Lehrers Lanwer?

Lanwer: Da kämpft man gewisserweise gegen Windmühlen . Da steht Schule an einsamer Front. Das gesamtgesellschaftliche Problem kann Schule allein nicht lösen.

Auch Schule muss sich da ändern. . .

Lanwer: Hat sie auch. Die Zusammenarbeit mit den Eltern etwa ist deutlich stärker geworden.

Walter Lanwer, Lateinlehrer und Rockmusiker. Fängt man so heute Schüler ein?

Lanwer: Das war manchmal von Vorteil, vor allem in der Oberstufe. Darüber, dass ich 17 Jahre die Schulband betreut habe, hat man einen anderen Zugang zu Schülern gefunden. Bei den über 100Schülern, die durch die Schulbands gegangen sind, gab es manchmal auch Schüler, die sich schwer getan haben an Schulregeln zu gewöhnen. Sie bekamen Identifikationsmöglichkeiten außerhalb des Unterrichts.

Geht das Projekt jetzt in andere Hände über?

Lanwer: Ein Kollege macht das schon einige Jahre mit mir zusammen. Er will das weiterführen. Das wünsche ich mir sehr.

Ein bisschen jünger als Manfred Mann sind Sie ja, trotzdem aber ein Rock-Oldie. Switchen Sie nach dem Ruhestand stärker in die Musikszene?

Lanwer: Ja, da werde ich mich schon stärker engagieren. Etwa bei „The Frantz“, der ersten Schulband, dann haben sich im Rahmen des Beat-Clubs die Beatclub-Allstars gegründet. Auch da sind ehemalige und aktive Schüler dabei. Und dann haben wir vor fünf Jahren eine Singgemeinschaft gegründet, die sich als Chor etabliert hat und deren Leitung mir wahnsinnig Spaß macht.

Wohnort gleich Arbeitsort, eine Kombination, die manch ein Kollege scheut. War das ein Problem?

Lanwer: Nein, obschon es bei mir ja noch schlimmer ist, denn ich unterrichte an meiner alten Schule, hatte Kollegen, von denen ich selbst noch unterrichtet wurde. Doch solange ich in Greven auf den Markt gehen kann, ohne von Schülern hören zu müssen: da kommt ja dieser Idiot, ist alles in Ordnung.

Ein Grevener Schulkarriere geht zu Ende. Gab es zwischenzeitlich Überlegungen, irgendwo anders oder auch hier auf eine Schulleiterstelle zu wechseln?

Lanwer: Überlegungen in diese Richtung hat es für mich nicht gegeben. Ich habe erreicht, was ich wollte und mich bei dieser Aufgabe wohl gefühlt. Zwischendurch habe ich mit dem Gedanken gespielt, in den Auslandsschuldienst zu gehen.

Sieben treten jetzt auf einen Streich ab. Kann man da von einem Generationswechsel sprechen?

Lanwer: Das kann man so sagen. Mit einigem Erschrecken habe ich festgestellt, dass ich jetzt der Zweitälteste im Kollegium bin. Was ich sehr bedaure, dass an dieser Schule aber auch an anderen die Mitte fehlt. Es gibt sehr viele junge Kollegen. Und auch die bedauern, dass das Kollegium altersmäßig nicht richtig durchmischt ist.

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