Zeitzeugen aus 9000 Jahren
Archäologische Untersuchungen in Handorf

Münster-Handorf -

Die Gegend zwischen Ems und Werse ist seit Jahrtausenden bewohnt. Das haben die Grabungen der städtischen Archäologen bestätigt, die im Vorfeld des Wasserleitungs- und Windkraftbaus große Flächen in Handorf unter die Lupe nahmen.

Dienstag, 18.09.2018, 15:42 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 18.09.2018, 14:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 18.09.2018, 15:42 Uhr
Die eisenzeitliche Urne wurde in Hornheide entdeckt und zeichnerisch dokumentiert. Urnenbestattung war im letzten Jahrtausend vor Christi Geburt üblich.
Die eisenzeitliche Urne wurde in Hornheide entdeckt und zeichnerisch dokumentiert. Urnenbestattung war im letzten Jahrtausend vor Christi Geburt üblich. Foto: Stadtarchäologie Münster / Simon Stamer

Man weiß nicht, wer der Tote war, wie er gelebt hat und woran er gestorben ist. Fest steht: Sein ganzer Körper wurde beigesetzt, der Leichnam lag in Ost-West-Ausrichtung, und es fanden sich keine Grabbeigaben. Das lässt auf einen Christen schließen. Aber: Das Grab fand sich an der Dorbaumstraße, weit entfernt von einer Kirche, in deren Umfeld eine christliche Bestattung seit Karl dem Großen hätte vorgenommen werden müssen.

Das Team der städtischen Archäologen um Dr. Aurelia Dickers, Dr. Jan Markus und Simon Stamer nimmt deshalb an, dass der Tote im Frühmittelalter gelebt haben dürfte, in einer Übergangszeit zum Christentum.

Der unbekannte Tot war vermutlich ein Christ aus dem Frühmittelalter.

Der unbekannte Tot war vermutlich ein Christ aus dem Frühmittelalter. Foto: Stadtarchäologie MS, Simon Stamer

Die Überreste dieses Alt-Handorfers werden noch mit der C 14-Methode genauer untersucht. Die Entdeckung seines Grabes passt jedenfalls ins Bild, sagen die Archäologen: Das Gebiet rund um den Zusammenfluss von Werse und Ems ist seit 9000 Jahren ein Hotspot, besiedelt von der Steinzeit bis in die Gegenwart – und landschaftlich ungewöhnlich intakt. „Handorf ist herausragend“, sagt Dr. Dickers sogar.

Spektakuläre Funde

Seit dem 19. Jahrhundert wurden in Handorf immer wieder bedeutende Funde gemacht: Vier Steigbügelringe aus der Bronzezeit, 1869 beim Eisenbahnbau entdeckt, waren der bislang spektakulärste Schatz. Der Bau der Stadtwerke-Wasserleitung sowie des großen Windrads an der Haskenau hat die Stadtarchäologen jetzt erneut auf den Plan gerufen. Seit September 2017 wurden die Flächen entlang der Trasse und am Baufeld nach und nach gründlich untersucht; insgesamt 15 800 Quadratmeter in drei großen Abschnitten.

Was genau wurde gefunden? An der Dorbaumstraße in Höhe Kerkamp stießen die Forscher auf rund 2500 Jahre alte Siedlungsreste aus der Eisenzeit – auf Pfosten und Siedlungsgruben und vor allem auf Reste von Keramik. Auch der frühe Handorfer Christ wurde hier entdeckt und geborgen.

Befremdliche Rituale

Aufwendiger waren die Grabungen auf der dreieinhalb Kilometer langen Strecke von den Emsauen bis zum Wasserwerk. 65 Suchschnitte wurden von den Teams – bestehend aus jeweils einem Wissenschaftler, einem Techniker und sechs bis zehn Grabungsmitarbeitern – vorgenommen, eine Fläche von 11 000 Quadratmetern wurde ausgegraben. Dokumentiert wurden Bereiche eines vorgeschichtlichen Gräberfelds mit zehn größeren Grabanlagen, ferner Siedlungsspuren der Eisenzeit und des Mittelalters. Schon in der mittleren Steinzeit (etwa 7000 v.Chr.) rasteten hier Jäger und Sammler: Mehr als 700 Artefakte, Steinwerkzeuge vor allem, wurden mühsam aus dem Boden herausgesiebt.

An der Haskenau entdeckten die Archäologen eine seltsame Grube, angefüllt mit Brandschuttresten und Hausrat. Offenbar sind hier im letzten Jahrtausend vor Christi Geburt die Überreste eines zerstörten Hauses rituell niedergelegt worden. Derlei hat man in Westfalen schon an anderer Stelle entdeckt – auf münsterischem Stadtgebiet ist dies der erste Fund seiner Art.

Untersuchungen endgültig beendet

Was insgesamt zutage kam, füllt jetzt die Regale und Schränke des Magazins in der Speicherstadt und wartet dort auf genauere Untersuchung und Dokumentation – gewissermaßen als Ersatz für die durch die Baustellen zerstörten Bodendenkmäler.

Die Archäologen blieben bei ihrer Arbeit lieber unter sich und mochten nicht viel Aufhebens machen. Wichtig ist der Stadtarchäologin die Feststellung: „Die archäologische Untersuchung ist abgeschlossen. Da ist nichts mehr.“

Kommentar:

Wer sich mit Archäologen über Münster-Ost unterhält, spürt bei ihnen dieselbe Begeisterung wie bei Naturschützern: Das Gebiet rings um Handorf ist offenbar noch überraschend intakt, eine Kulturlandschaft in natürlichem Entwicklungszustand. Die einen freuen sich deshalb über die Artenvielfalt der Fauna und Flora. Die anderen über ungewöhnlich viele Bodendenkmäler.Zwischen Werse und Ems gab es schon vor Tausenden von Jahren optimale Siedlungsbedingungen – und weil die Gegend ländlich blieb und im 20. Jahrhundert sogar von großen Truppenübungsplätzen blockiert wurde, ist hier ungewöhnlich vieles erhalten. Siedlungsspuren, Gräber, Artefakte aus Stein oder Keramik. Nicht zu vergessen: die mittelalterliche Wallburg Haskenau. Das Wenigste erschließt sich auf den ersten Blick, und das ist gut so. Denn im Idealfall sollte alles unverändert erhalten bleiben; auch die Archäologen greifen in der Regel nur ein, wenn eine Baustelle ein Bodendenkmal unwiederbringlich zu zerstören droht. Die heutigen Bewohner leben jedenfalls auf historischem Boden; Grund genug für Respekt und Rücksichtnahme gerade im unwegsamen Gelände. Der Freizeitdruck ist groß genug. 

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