Ordensschwestern verabschieden sich
Zeitenwende  im  Vinzenzwerk

Münster -

Rund 200 Kinder und Jugendliche werden im  Vinzenzwerk betreut. Mit der langjährigen Leiterin Schwester Mechtild Knüwer verabschiedete sich nun die letzte Ordensschwester. Mit ihr und dem neuen Leiter Bernhard Paßlick sprach Redakteur Lukas Speckmann.

Samstag, 02.02.2019, 14:00 Uhr aktualisiert: 03.02.2019, 16:43 Uhr
Sozialarbeiter statt Ordensschwester: Schwester Mechtild Knüwer hat die Leitung des Vinzenzwerks an Bernhard Paßlick übergeben.
Sozialarbeiter statt Ordensschwester: Schwester Mechtild Knüwer hat die Leitung des Vinzenzwerks an Bernhard Paßlick übergeben. Foto: spe

Das Vinzenzwerk Handorf hat eine bewegte Geschichte. 1912 als katholisches Kinderheim gegründet, genießt es in Stadt und Region einen guten Ruf; hier werden rund 200 Kinder und Jugendliche im Alter bis zu 21 Jahren von 180 Mitarbeitern professionell betreut. In früheren Jahrzehnten gab es allerdings auch Fälle von Missbrauch und Misshandlung – das wird seit einigen Jahren offen thematisiert. Der Jahreswechsel brachte einen markanten Einschnitt: Mit der langjährigen Leiterin Schwester Mechtild Knüwer verabschiedete sich die letzte Ordensschwester vom Vinzenz­werk. Mit ihr und dem neuen Leiter Bernhard Paßlick sprach Redakteur Lukas Speckmann.

Das Vinzenzwerk nach 107 Jahren ohne die Schwestern Unserer Lieben Frau: Wie groß ist der Einschnitt?

Sr. Mechtild: Er kommt nicht unvorbereitet. Schon 2014 sind meine Mitschwestern abgezogen worden, die Kapelle wurde profaniert – und ich war vier Jahre lang die einzige Ordensschwester. Manche vermuten, die Atmosphäre in den Gruppen werde sich ändern. Dem Vorstand ist es jedenfalls ein Anliegen, gerade die menschliche, christliche Komponente weiterzutragen.

Paßlick: Ich werde von den Kindern mit Sicherheit anders betrachtet. Zu allererst bin ich Sozialarbeiter und verfüge über ein christliches Menschenbild. Möglicherweise habe ich einen etwas anderen Blick auf die Kinder- und Jugendhilfe; es gibt veränderte Bedarfe, darauf werden wir reagieren.

Was hat sich verändert?

Paßlick: Zu uns kommen Kinder, deren Eltern aus unterschiedlichen Gründen ihre Erziehungspflicht nicht wahrnehmen. Heutzutage haben viele in ihrer jungen Biografie schon so viel erlebt, dass sowohl intensive Betreuung als auch therapeutische Begleitung notwendig sind. Viele von unseren Kindern und Jugendlichen sind extrem bindungs- und beziehungsgestört. Alles, was man sich vorstellen kann, haben die Kinder und Jugendlichen bereits durchgemacht.

Sr. Mechtild: Heute gibt es schon viele Kinder, die nicht mehr in einer Familie leben können, weil sie ein enges Familiensystem nicht aushalten. Deshalb haben wir zwei Diagnosegruppen, wo man schaut: Wo ist der richtige Lebensort?

Der Lebensort ist jedenfalls nicht mehr der Schlafsaal mit 50 Betten  . . .

Sr. Mechtild: Das ist schon lange vorbei. Wir haben über 40 Pflegefamilien und suchen noch weitere – aber die meisten Kinder und Jugendlichen wohnen in 16 sehr individuellen Gruppen mit jeweils eigenem Zimmer zusammen. Teils hier auf dem Gelände in Handorf, aber auch in eigenen Wohnungen in der Stadt Münster und im Kreis Warendorf.

Paßlick: Das Vinzenzwerk ist in den vergangenen Jahren expandiert. Während der Flüchtlingskrise sind auch Gruppen für unbegleitete minderjährige Ausländer eingerichtet worden, von denen es noch zwei gibt. Wir betreuen auch junge Erwachsene im letzten Schritt der Verselbstständigung, die in Wohngemeinschaften leben.

Wie wichtig ist dann noch die Zentrale in Handorf?

Paßlick: Wichtig. Hier laufen alle Fäden zusammen. Hier ist die Leitung, die Verwaltung, die Technik, hier ist der naturnahe Außenbereich, der auch von Kindern und Jugendlichen aus der Nachbarschaft genutzt wird und wo die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd stattfindet, um die uns viele beneiden. In Handorf tagt auch unser Kinder- und Jugendparlament mit etwa 35 gewählten Kindern aus allen Gruppen. Wir werden weiterhin Ideen entwickeln, wie wir unser Gelände mit unseren Angeboten noch attraktiver gestalten können. Dies ist ein traditionsreiches Gelände. Das ist einerseits Segen, andererseits Fluch.

Warum Segen?

Sr. Mechtild: Man ist vor über 100 Jahren angetreten, Kindern eine Obhut zu geben und nach damaligem Stand das Optimale für die Kinder zu entwickeln.

Paßlick: Und zwar aus einem christlichen Geist heraus. Diese Tradition empfinde ich als grundlegend gut.

Warum Fluch?

Paßlick: Man darf nicht verkennen, dass, wie in vielen anderen traditionsreichen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe auch, hinter diesen Mauern Kindern Unrecht getan wurde. Unrecht in Form von Missbrauch und Misshandlungen. Aus priesterlicher Hand, auch von Erzieherinnen und Erziehern. Das wird immer Teil der Geschichte des Vinzenz­werks sein.

Wie gehen Sie mit dieser Vergangenheit um?

Paßlick: Wir stellen uns dem Thema aktiv. Durch Enttabuisierung gibt es einen eindeutigen Paradigmenwechsel: Früher wurde das System geschützt, heute wird das Opfer geschützt. 100-prozentige Sicherheit gibt es leider nicht.

Warum nicht?

Paßlick: Hier wohnen einige Kinder, die bereits Opfer geworden sind. Bei ihnen kann es zum Verlust der Impulskontrolle kommen, es kann Gewalt geben. Darauf gehen wir pädagogisch adäquat ein.

Und dass Mitarbeiter zu Tätern werden, und sei es aus Überforderung?

Paßlick: Da bin ich mir sicher, dass das nicht passiert: Heute gibt es eine Kultur des Hinschauens und Reagierens. Wir haben ein institutionelles Schutzkonzept, alle unsere Mitarbeiter werden im grenzachtenden Umgang mit Kindern und Jugendlichen geschult und weitergebildet. Das war noch bis in die 90er-Jahre hinein anders. Das Bewusstsein der Mitarbeitenden hat sich sehr verändert.

Finden Sie leicht neue Mitarbeiter?

Paßlick: Die pädagogischen Mitarbeiter sind im Durchschnitt 7,8 Jahre bei uns beschäftigt. Betreuungskontinuität ist uns extrem wichtig. Es spricht für uns, dass wir Fachkräfte gewinnen können, da gibt es durchaus Konkurrenz.

Wie sieht die Zukunft des Vinzenzwerks aus?

Paßlick: Wir wollen langfristig als katholischer Träger in der stationären Kinder- und Jugendhilfe tätig sein. Derzeit sind wir ein eingetragener Verein mit der Caritas als Spitzenverband. Es wird neue Wohnformen geben, mit neuen Wohngebäuden. Mit der Novellierung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes werden wir uns im Bereich inklusiver Wohngruppen aufstellen. Wir werden weiterhin an unseren Angeboten und unserem Image arbeiten – und noch aktueller, moderner und digitaler werden.

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