Haltestelle in Gelmer modernisiert
Barrierefreiheit endet bei 16 Zentimetern

Münster-Gelmer -

Wie hoch muss der Bordstein einer Haltestelle sein, damit er als barrierefrei gilt? 16 Zentimeter, sagen die Stadtwerke. 18 Zentimeter, sagt der Gelmeraner Otmar Knüvener. Er hat gute Gründe . . .

Donnerstag, 01.08.2019, 07:00 Uhr
Die Bushaltestelle an der Gittruper Straße in Gelmer wurde vor Kurzem barrierefrei ausgebaut. sie ist die Nummer 609 im Stadtgebiet. 16 Zentimeter bis zur Bordsteinkante – mehr ist nicht drin.
Die Bushaltestelle an der Gittruper Straße in Gelmer wurde vor Kurzem barrierefrei ausgebaut. sie ist die Nummer 609 im Stadtgebiet. 16 Zentimeter bis zur Bordsteinkante – mehr ist nicht drin. Foto: spe

Die Bushaltestelle Gittruper Straße wurde vor Kurzem ausgebaut. Damit sind – wie berichtet – mittlerweile rund die Hälfte aller Bushaltestellen in Münster barrierefrei . . .

Otmar Knüvener widerspricht entschieden. Der Gelmeraner, der sich seit Jahrzehnten in der Behindertenkommission und im städtischen Planungsausschuss für die Belange behinderter Menschen einsetzt, sieht es genau umgekehrt: „Die Hälfte aller Bushaltestellen sind gerade eben nicht ausgebaut. Und genau diese Hälfte ist das Problem.“

In Gelmer waren bislang nur die Haltestellen Alfersheide und Schornheide für Rollstuhlfahrer geeignet, berichtet Knüvener, der selbst auf den Rollstuhl angewiesen ist. Aber er schränkt sofort ein: Die in Münster übliche Ausbauhöhe auf 16 Zentimeter sei nicht ausreichend. Besser wäre ein Bordstein von 18 Zentimetern – oder gleich eine noch glattere Lösung wie beim sogenannten „Kasseler Bord“ oder bei den Hochbahnsteigen von Stadt- und U-Bahnen.

Das Problem: Bei einem 16-Zentimeter-Bordstein sei bei ausgeklappter Bus-Rampe immer noch ein spürbarer Höhenunterschied zu überwinden, sagt Knüvener. Kein Problem bei der Einfahrt in den Bus. Aber am Ende der Fahrt wird es tückisch: „Man kann gar nicht gerade rausfahren, man fällt aus dem Rollstuhl raus.“ Viele Rollstuhlfahrer seien querschnittsgelähmt – und denen fehle die Muskulatur, den Oberkörper im Gleichgewicht zu halten.

Querschnittsgelähmten bleibe dann in der Regel nichts anderes übrig, als rückwärts aus dem Bus zu fahren. Er habe deshalb in der Behindertenkommission den Antrag gestellt, beim künftigen Ausbau aller Haltestellen grundsätzlich einen 18-Zentimeter-Bordstein einzuplanen. Für Gelmer kam diese Empfehlung offenbar zu spät: „Münster ist eine Barrierestadt“, meint Otmar Knüvener. „Da muss ein Umdenken stattfinden.“

Wie Stadtsprecherin Sigrid Howest auf Anfrage der Redaktion mitteilt, gelten in Münster 16 Zentimeter als Standardhöhe. So könnten die Haltestellen von allen Bustypen angefahren werden – denn in Münster seien nicht nur Stadtwerke-Busse im Linienverkehr unterwegs. Von den 1337 Haltepunkten des Busliniennetzes seien mittlerweile 609 mit einem erhöhten Bordstein ausgestattet.

Kommentar zu barrierefreien Haltestellen: Zeit zum Umdenken

Zwei Zentimeter mehr oder weniger – wer über gesunde Beine verfügt, wird diesen Höhenunterschied beim Einstieg in den Bus gar nicht wahrnehmen. Kein Wunder, dass es schwierig ist, körperlich unversehrten Entscheidern die Bedeutung einer nur leicht höheren Bordsteinkante klarzumachen.Das Problem: Ein 16-Zentimeter-Bordstein gilt hochoffiziell als barrierefrei. Das Tiefbauamt, die Straßenbauer, die Busunternehmer, die Statistiker: Alle kennen diese magische Zahl und halten daran fest. Weil sie sich scheinbar bewährt hat, weil sich alle darauf eingestellt haben und weil ein Umdenken aufwendig wäre. Wer wollte außerdem bestreiten, dass der allmählich voranschreitende 16-Zentimeter-Ausbau einen gewaltigen Fortschritt bedeutet? Erst recht, wenn mittlerweile sogar ein ländlicher Stadtteil wie Gelmer bedacht wird.Doch ein barrierefreier Nahverkehr muss sich daran messen lassen, wie viel Rücksicht er auf seine schwächsten Fahrgäste nimmt. Wenn für einen querschnittsgelähmten Rollstuhlfahrer der Höhenunterschied derart spürbar ist, sollte zumindest offen über neue Ausbaustandards diskutiert werden. Es ist noch nicht zu spät: Mehr als die Hälfte der münsterischen Haltestellen wartet noch auf den barrierefreien Ausbau.Lukas Speckmann

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