Dr. Hendrik Oen: Zentren für Kranke auch zur Entlastung der Hausärzte sind angedacht
Es kann nicht jeder getestet werden

Münster -

Rund 114 Menschen (Stand Mittwochnachmittag) sind in Münster positiv getestet worden. Niemand von ihnen ist schwer erkrankt. Aber: „Es wird Schwerkranke geben. Definitiv“, sagt Dr. Henrik Oen.

Donnerstag, 19.03.2020, 09:00 Uhr
Dr. Hendrik Oen
Dr. Hendrik Oen Foto: Oliver Werner

Dr. Hendrik Oen ist Mitglied des Krisenstabes in Münster, Hausarzt und Bezirksstellenleiter der Kassenärztlichen Vereinigung . Über die derzeitige Coronavirus-Lage in Münster sprach mit ihm Redakteurin Bettina Laerbusch.

 

Wie ist aus Ihrer Sicht die momentane Situation?

Dr. Hendrik Oen: Wir haben eine Krisensituation, die sich anbahnt, aber wir haben keine Krise. Es gibt derzeit bereits viele Menschen mit einer Art von Infektion, mit der wir uns noch nicht auskennen. Wir sind jetzt noch in einer Phase, die wir zur Vorbereitungszeit nutzen können. Alle Institutionen hier in Münster arbeiten eng und gut zusammen.

Gehen Sie davon aus, dass die Fallzahlen weiter steigen werden?

Oen: Ja, auf jeden Fall. Es sind in Münster derzeit etwa 130 Personen positiv getestet worden (Anmerkung der Redaktion: Stand Mittwochnachmittag). Keiner von ihnen ist ernsthaft erkrankt. Dass die Zahlen gerade so steigen, liegt vor allem an den Urlaubern, die aus den Risikogebieten zurückkommen. Ganze Busse mit Schülern sind auch an diesem Wochenende wieder aus Italien zurückgekommen. Wer zum Beispiel in Ischgl war, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit infiziert. Würde es diese Rückkehrer nicht geben, hätten wir jetzt eine abgeflachte Infektionskurve. Mehr als ein Drittel der zurzeit positiv Getesteten sind Reiserückkehrer.

Wer wird auf Corona getestet? Wenn ich Husten hätte und bei Ihnen in der Praxis anrufen würde, würden Sie mich testen?

Oen: Nein, wenn Sie nur etwas Husten hätten und in keinem Risikogebiet gewesen wären und auch keinen Kontakt zu einem Corona-Infizierten gehabt hätten, würde ich Sie krankschreiben, Ihnen sagen, dass Sie zu Hause bleiben und Kontakt zu anderen vermeiden sollen und fragen, wie es Ihnen in drei Tagen, in einer Woche geht und schrittweise handeln. Es ist bisher schwierig zu unterscheiden, ob jemand einen grippalen Infekt hat, an Grippe erkrankt ist oder mit dem Coronavirus infiziert ist. Das wird in circa vier Wochen anders sein, dann ist die Grippesaison vorbei und Infekte der Atemwege fallen mehr auf.

Wer wird getestet? Warum nicht ich mit Husten?

Oen: Es gibt nicht genug Kapazitäten, jeden zu testen. Es werden vorrangig die Patienten getestet, die grippale Symptome wie Fieber und starken Husten haben und in einem der Risikogebiete waren oder Kontakt zu jemanden hatten, der infiziert ist.

Wie gehen Sie als Hausarzt mit Ihren Patienten um, die Herzerkrankungen haben oder chronische Magenprobleme zum Beispiel?

Oen: Alle müssen sich kurz telefonisch anmelden, es sei denn, sie waren tags zuvor schon da und wir wissen, dass sie wiederkommen. Die Anrufer werden nach ihren Symptomen befragt. Notwendige Untersuchungen und Behandlungen, etwa die Festellung, ob die Blutwerte bei Herzkranken in Ordnung sind, werden natürlich gemacht. Es gibt zurzeit aber in der Praxis keine Routine-Vorsorgeuntersuchungen. Auch alle aufschiebbaren Untersuchungen sollte man augenblicklich nicht machen.

Wie schützen Sie sich selbst und ihre Mitarbeiterinnen?

Oen: Wir haben eine Plexiglaswand am Empfang aufgebaut. Wenn jemand schwerere Infekt-Symptome und einen Risikofaktor durch Reise oder Kontakt zu einem Infizierten hat und ich ihn untersuchen muss, wird erst ein Test gemacht, den ein Angehöriger oder eine andere Person abholt. Eine Beschreibung liegt bei, der Test ist relativ einfach zu handhaben. Ein Angehöriger bringt ihn dann zurück, wirft ihn durch einen Schlitz in eine Box. Ist jemand infiziert und müsste ich ihn untersuchen, würde ich das im Schutzanzug, mit Maske, Brille und Handschuhen tun.

Stimmt es, dass es nicht in ausreichendem Maße Schutzkleidung für die Ärzte gibt?

Oen: Ja. Die KVWL und der Krisenstab überlegen auch deshalb, wie wir spezielle Zentren schaffen, in denen Corona-Erkrankte, die nicht in eine Klinik müssen, zentral behandelt werden.

Sie sagen, schwer erkrankte Corona-Infizierte gibt es in Münster derzeit nicht. Wird sich das ändern?

Oen: Schwerkranke wird es geben. Definitiv. Derzeit haben wir noch vorbildliche Zahlen. Die Sterblichkeitsrate liegt in Deutschland bei 0,2 Prozent. In Italien sind es fast acht Prozent. Die drastischen Maßnahmen der Politik sind deshalb richtig.

Wie erleben Sie persönlich gerade diese noch nie dagewesene Situation?

Oen: Als Vater mache ich mir keine Sorgen, da Kinder und Jugendliche in der Regel nur leichte Krankheitsverläufe haben. Als Sohn bin ich schon besorgt um meine Eltern. Alte Menschen mit Vorerkrankungen haben ein Risiko von 20 Prozent schwer zu erkranken. Sie sollten einkaufen gehen, wenn es nicht anders geht, und sonst auf jeden Fall zu Hause bleiben.

Wie werten Sie das Verhalten der Bevölkerung?

Oen: Insgesamt ist das Verhalten flächendeckend solidarisch.

Wie geht es weiter?

Oen: Der Krisenstab tagt jeden Tag, weil sich alles schnell ändert. Alle Maßnahmen sind bis Ostern geplant, aber nicht festgeschrieben.

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