Dr. Schwarze über die NS-Zeit in Münster
Halb Zeitzeugin, halb Historikerin

Münster-Hiltrup -

Sie war noch ein Kind, erinnert sich aber genau. Da war eine Mutter, sie wurde wegen Nichtigkeiten denunziert, von der Geheimen Staatspolizei der Nazis abgeholt. Obwohl ihre Kinder mit Scharlach und Diphtherie im St.-Franziskus-Hospital lagen. Die Mutter kam nach sechs Wochen frei. Mit weißen Haaren. „Niemand musste fragen, was ihr in der Zeit zugestoßen ist“, schilderte die münsterische Historikerin Dr. Gisela Schwarze.

Dienstag, 06.08.2013, 21:08 Uhr

Sie ist halb Zeitzeugin, halb Historikerin: Die Historikerin Dr. Gisela Schwarze forschte über Zwangsarbeiter und erlebte den Nationalsozialismus als Kind. WN-Redakteur Michael Grottendieck sprach mit ihr über das KZ-Opfer Bernhard Poether.
Sie ist halb Zeitzeugin, halb Historikerin: Die Historikerin Dr. Gisela Schwarze forschte über Zwangsarbeiter und erlebte den Nationalsozialismus als Kind. WN-Redakteur Michael Grottendieck sprach mit ihr über das KZ-Opfer Bernhard Poether. Foto: mlü

Am Gedenktag für Bernhard Poether , der am 5. August 1942 im Konzentrationslager Dachau sein Leben ließ, sprach sie vor etwa 30 Gästen im Pfarrzentrum St. Clemens über den Nationalsozialismus in Münster und Hiltrup.

Schwarz ist halb Zeitzeugin, halb Historikerin. „Ein Glücksfall“, so Michael Grottendieck. Der WN-Redakteur moderierte das Gespräch mit der früheren Pädagogin am Hiltruper Immanuel-Kant-Gymnasium. Schwarz kannte Poethers besten Freund, Dr. Ludwig Klockenbusch, aus persönlichen Begegnungen. „Wir saßen gemeinsam im Kulturausschuss.“

Mit vielen traurigen, erstaunlichen und aus heutiger Sicht fast grotesken Anekdoten aus der Nazi-Zeit stellte Schwarze klar: Es gab nicht alleine das uniformierte Böse, sondern die ganze Gesellschaft wirkte mit am Nazi-Terror. Wer Denunziant war, und woher Hilfe kam – man konnte sich nicht sicher sein. Schwarz diagnostiziert: „Die Gesellschaft war durch und durch verdorben.“

Auch in den Hiltruper Röhrenwerken gingen laut Schwarz die meisten Verhaftungen von Denunzianten aus, die ihre Arbeitskollegen geringfügiger Vorteile halber verraten hätten. Manchmal sei ein einfacher Streit dem Verrat an die Gestapo vorausgegangen. Es sei erschreckend, dass die Geheime Staatspolizei fast ausschließlich Hinweisen aus der Bevölkerung nachgehen musste, um ihre Opfer zu finden.

Die Quintessenz des Gesprächs war ihre deutliche Warnung: „An dem Wesen der Menschen hat sich heute nicht viel verändert.“

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