Kulturbahnhof Hiltrup
Gottsuche via Telefon

Münster-Hiltrup -

Theaterlabor inszeniert im Hiltruper Kulturbahnhof eindrucktsvoll „Ich, Feuerbach“ von Tankred Dorst.

Montag, 20.10.2014, 08:10 Uhr

Feuerbach (Claus Becker) sucht beim Vorsprech-Termin nach dem Sinn seines Lebens, der Regieassistent (Jörn Knost) nach einer Quittung.
Feuerbach (Claus Becker) sucht beim Vorsprech-Termin nach dem Sinn seines Lebens, der Regieassistent (Jörn Knost) nach einer Quittung. Foto: anh

Der Schauspieler explodiert förmlich, geht beim Vorsprech-Termin in seiner Rolle ins Äußerste – hinter ihm sitzt der Regieassistent, schlummert: Kein gutes Zeichen für den vom Schauspieler ersehnten Neu-Start nach der „Pause“ als Psychiatrie-Patient. „ Feuerbach “ heißt er, soll vorsprechen, aber der Regisseur weilt woanders.

Gern, zu gern erzählt der Bewerber von sich, von seinen Leistungen – „Ich, Feuerbach“ heißt Tankred Dorsts Einakter, den das Theaterlabor im Kulturbahnhof Hiltrup am Freitagabend zeigte. Ungern sieht Feuerbach, wenn er sich nicht ernst genommen oder seine Psychiatrie-Pause aufgedeckt glaubt, dann verwandelt er den etwas schnöseligen Regieassistenten (prima: Jörn Knost) in ein zitterndes Jammerbild.

Das alles tut Feuerbach mit größter Energie, und sein Darsteller Claus Becker spielt es meisterlich: Die Augen leuchten, er wälzt sich am Boden, verschwindet unter der Bühne, redet sich in Rage, spielt noch eine Rolle – einen schräg geratenen, irren „Tasso“.

Becker gibt den arroganten Altmeister, den Schlimmes Befürchtenden, den Verletzten, den Kumpel, den Zornigen – und das sehr überzeugend. Mal verbreitet Feuerbach lodernd Schrecken, dann Respekt für seine beachtlichen schauspielerischen Fähigkeiten, die mit seinen psychischen Problemen verknüpft zu sein scheinen, dann fließt ihm Mitleid zu.

Enrico Ottos Inszenierung im Kulturbahnhof bringt dies direkt vor den Zuschauern – bei der Premiere etwa 30 – hautnah auf die Bühne, unterstützt von Schauspielerinnen in Nebenrollen, der Hunde-Sucherin und den stoischen Bühnenarbeiterinnen. Der Applaus nach einer sehr intensiven Stunde hochklassigen Schauspiels fiel verdient kräftig und lang aus.

Das Element der Farce habe Dorst verarbeitet, erläuterte Otto vor dem Stück, daher habe er es ausgewählt. Enthalten sei in „Ich, Feuerbach“ auch die Brechtsche Erzählfunktion und das Element der Gottsuche wie in „Warten auf Godot“. Feuerbauch versucht es über das Telefon.

Wesentlich war die ängstliche Suche nach dem Sinn seines Lebens. Dank sei Dorst und dem Theaterlabor.

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