Mit der Flüchtlingseinrichtung an der Stadthalle schließt die erste größere Notunterkunft in Münster
Lehrreiche acht Monate

Münster-Hiltrup -

Die Notunterkunft in den Nebenräumen der Stadthalle Hiltrup war von Anfang an nur als Provisorium gedacht – Anfang August wurde sie nun als erste größere Flüchtlingsunterkunft in Münster wieder frei gezogen. Zeit für ein Fazit.

Donnerstag, 11.08.2016, 20:08 Uhr

Zeit für ein Fazit: Heinz Lembeck (v.l.) vom Sozialamt Münster, die Sozialarbeiter Svenja Haidar und Christian Siemroth, Bezirksbürgermeister Joachim Schmidt sowie der DRK-Kreisverbandsvorsitzender Holger Wigger vor der Stadthalle Hiltrup. Acht Monate lang dienten die Nebenräume als Notunterkunft.
Zeit für ein Fazit: Heinz Lembeck (v.l.) vom Sozialamt Münster, die Sozialarbeiter Svenja Haidar und Christian Siemroth, Bezirksbürgermeister Joachim Schmidt sowie der DRK-Kreisverbandsvorsitzender Holger Wigger vor der Stadthalle Hiltrup. Acht Monate lang dienten die Nebenräume als Notunterkunft. Foto: mlü

Aktuell sind die Handwerker dabei, die Wände neu zu weißen. Seit Mittwoch wird der Teppich ausgetauscht, berichtet Bezirksbürgermeister Joachim Schmidt. Zum Schulstart sollen die acht Räume wieder dem Schulzentrum zur Verfügung stehen. Gleichzeitig rückt die Frage nach der Zukunft der Stadthalle – Neubau oder Abriss – jetzt wieder in den Vordergrund (wir berichteten). Acht Monate hielt die Stadthalle als Notnagel für die Unterbringung von Flüchtlingen her – mit dem Auszug der letzten Familie ist die Zeit für ein Fazit gekommen.

► 16 Familien haben sich acht Wohnräume geteilt. Gelegenheit zum Waschen und Duschen gab es nur in der benachbarten Turnhalle. Anfangs habe das aber keine Unruhe unter den Bewohnern erzeugt. Erst später gab es Nachfragen, warum ausgerechnet sie in der Stadthalle wohnen müssten, berichtet die DRK-Sozialarbeiterin Svenja Haidar . Schließlich bekam die Einrichtung doch noch eine eigene Küche – „ein Riesenwunsch der Bewohner“.

► 20 Ehrenamtliche waren „bis zum Schluss dabei und pflegen auch weiter Kontakt zu den Familien“, sagt die DRK-Angestellte. Ein Höhepunkt war das gemeinsam organisierte Mini-Frühlingsfest im Gemeinschaftsraum der Unterkunft.

► Untereinander habe es kaum einmal Streit gegeben. „Das ist nicht überall so“, ergänzt Heinz Lembeck vom Sozialamt Münster und lobte die Arbeit der beiden Sozialarbeiter. „Die meisten Menschen, die hierher kommen, haben ja einen Grund, warum sie geflohen sind. Sie wollen Frieden“, argumentiert Haida. „Politik war in der Unterkunft nie ein Thema.“ Manche Flüchtlinge hätten sich sogar geweigert, in ihren Unterlagen eine Religion anzugeben. „Weil sie keine Rolle spielen soll.“

► Musterknabe Münster: Die Stadt hat seine Aufnahmequote mehr als erfüllt und muss vorerst keine Zuweisungen von Flüchtlingen erwarten. „Die Pause tut uns ganz gut“, sagt Lembeck. Aktuell wird das Netz der Notunterkünfte umgebaut, neue Unterkünfte sollen fällige Provisorien ersetzen. Derzeit sei noch völlig unklar wann und ob neue Zuweisungen erfolgen – deswegen wolle die Stadt Münster sich bei der Trägerschaft für die geplanten Unterkünfte am Vennheideweg und am Sportplatz Hiltrup-Süd auch noch nicht festlegen.

► Zweimal wurde Feuer in der geplanten Notunterkunft am Sportplatz Hiltrup-Süd gelegt. „Der erste Brandanschlag war hier kaum Thema“, berichtet Christian Siemroth vom DRK . „Der Tenor bei den Familien war: Wir haben Schlimmeres in der Heimat erlebt.“ Der zweite Anschlag hat die Flüchtlinge weit mehr verunsichert. Sie äußerten daraufhin den Wunsch, sich nachts einschließen zu dürfen. Nicht optimal sei die Fluchttreppe an der Nordseite des Gebäudes gewesen. Häufig seien Leute in das Gerüst gestiegen und hätten durch die Fenster die Flüchtlinge beobachtet. „Ziemlich unverfroren“, findet das DRK-Kreisverbandsvorsitzender Holger Wigger.

► „Wir haben im langfristigen Einsatz viel gelernt“, so Wigger. Der schnelle Spracherwerb habe in Hiltrup besonders gut geklappt. Um Sprachbarrieren untereinander zu überbrücken, hätten die Bewohner früh damit begonnen, sich auf deutsch zu unterhalten, berichtet Haida. Die Sozialarbeiterin betreut jetzt die Flüchtlinge in der Unterkunft am TuS-Stadion in Hiltrup-Ost.

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