Konsul Schencking musste 1870 aus Frankreich nach Hiltrup fliehen
Reißaus vor dem Pöbel

Münster-Hiltrup -

In einer erhitzten Juli-Nacht des Jahres 1870 nahm der Bundeskonsul Schencking vor dem „Pöbelhaufen“ in Toulon, von dem deutsche Zeitungen schrieben, Reißaus und suchte Zuflucht in seiner Heimat – in Hiltrup.

Samstag, 26.08.2017, 09:08 Uhr

Konsul Schencking wohnte in dieser Villa in Bahnhofsnähe. Vor 190 Jahren am 28. August 1827 wurde der „Förderer der Gemeinde Hiltrup“ geboren, als der er in Erinnerung blieb,
Konsul Schencking wohnte in dieser Villa in Bahnhofsnähe. Vor 190 Jahren am 28. August 1827 wurde der „Förderer der Gemeinde Hiltrup“ geboren, als der er in Erinnerung blieb,

„Nieder mit den Preußen!“, skandierte die Menge in der südfranzösischen Hafenstadt Toulon vor dem Konsulat des norddeutschen Bundes und sangen die Marseillaise. Die Franzosen hatten soeben den Preußen den Krieg erklärt. Wie dieser 1870/71 ausging, ist bekannt: Bismarck rief im Spiegelsaal im Schloss zu Versailles die Gründung des Deutschen Reiches aus. In der erhitzten Juli-Nacht 1870 nahm der Bundeskonsul vor dem „Pöbelhaufen“ in Toulon, von dem deutsche Zeitungen schrieben, Reißaus und suchte Zuflucht in seiner Heimat – in Hiltrup.

Diese Episode aus dem Leben von August Bernard Schencking ist selten zu lesen. Dabei ist im Laufe der Jahrzehnte stets und ständig über den Mann, der sogar in den Memoiren des Kaisers erwähnt wird, reichlich geschrieben worden. Neben Max Winkelmann , dem Gründer der Glasurit-Werke, gilt der Gutsbesitzer Schencking als die prägende Gestalt in der Hiltruper Ortsgeschichte.

Ohne Schencking, der vor 190 Jahren am 28. August 1827 in Ascheberg geboren wurde, wäre Hiltrup ein unbedeutendes Dorf geblieben. Als „Förderer der Gemeinde Hiltrup“, wie es auf einem Findling nahe der Friedhofstraße geschrieben steht, legte er den Grundstein für das wirtschaftliche Aufblühen Hiltrups.

Seinen Beziehungen ist die für den Ort günstige Streckenführung des Dortmund-Ems-Kanals zu verdanken. Den Bahnhof hat er 1868 in den Ort geholt. In einem Schreiben an die Königliche Direktion der Westfälischen Eisenbahn redete er Tacheles: „Die Haltestelle Dickeweib ist wohl die einzige in Europa, welche keinen öffentlichen Fahrweg hat und sich zudem noch in der unmittelbaren Nähe einer menschenlosen Heide, die Hohe Ward, befindet.“

Schenking stellte Grund und Boden für die Verlegung des Bahnhofs zur Verfügung. Sein Gut Hülsebrock verfügte nun über einen Gleisanschluss. Nicht uneigennützig und zugleich doch dem Allgemeinwohl verpflichtet setzte er sich später für den Ausbau der Bahnhofstraße (die heutige Marktallee) ein.

Immer wieder verkaufte er Ländereien, und seine Nachkommen behielten diese Praxis nach seinem Tod am 1. Juli 1903 bei. So war Schencking daran beteiligt, die Missionsorden nach Hiltrup zu holen. Die Kirchengemeinde erwarb von ihm Land für den Neubau von St. Clemens, ebenso die Baumschule Hanses-Kettler. Ganze Wohnviertel entstanden auf ehemals Schenckingschen Grund.

Über Jahrzehnte hat auch der Landwirtschaftsverlag davon profitiert, dass er bei Bedarf neue Parzellen Land von der Familie Schencking erwerben konnte. So war es dem Verlag möglich, kräftig zu expandieren und doch seinen Sitz im Herzen Hiltrups zu behalten. Für die wirtschaftliche Prosperität des Stadtteils ist das bis heute ein wichtiger Faktor.

Noch einmal zurück zu August Bernard Schencking: Er ließ die Schmach von Toulon nicht lange auf sich sitzen. Schon bald kehrte er nach Frankreich zurück und residierte von 1872 bis 1876 in Nizza im Rang eines Reichskonsuls.

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