Zeitzeuge Sally Perel
Holocaust-Überlebender spricht mit Hiltruper Realschülern

Münster-Hiltrup -

Drei Schulen in Münster ist es erneut gelungen, einen der letzten noch lebenden Zeitzeugen des Nationalsozialismus für eine Lesung zu gewinnen. Der Jude Sally Perel überlebte den Holocaust nur, weil er sich als Hitlerjunge ausgab.

Dienstag, 06.03.2018, 16:03 Uhr

Der 92-jährige Sally Perel war aus Israel für eine Zeitzeugen-Lesung nach Münster gereist. Trotz des ernsten Themas gab es im Anschluss Raum für freundliche Begegnungen.
Der 92-jährige Sally Perel war aus Israel für eine Zeitzeugen-Lesung nach Münster gereist. Trotz des ernsten Themas gab es im Anschluss Raum für freundliche Begegnungen. Foto: Nicole Beermann

Die Stimmen verfolgen ihn. „Das ist vielleicht schwierig zu verstehen, aber je älter ich werde, desto lauter werden sie.“ Es sind die Stimmen der Toten. Sally Perel überlebte den Holocaust nur, weil er sich als Hitlerjunge ausgab. Dabei war Sally Perel kein Nazi, sondern Jude. „Ich habe ‚Sieg Heil‘ gerufen und zur gleichen Zeit wurden anderthalb Millionen junge Kinder in Auschwitz zu Asche verbrannt.“ Das ist die tiefe Brisanz und Bürde seines Lebens.

Drei Schulen in Münster ist es erneut gelungen, Sally Perel für eine Zeitzeugen-Lesung im Cineplex-Kino zu gewinnen. Schülerinnen und Schüler der Marienschule, des Ratsgymnasiums und der Hiltruper Johannes-Gutenberg-Realschule hatten am Dienstagmorgen zunächst Gelegenheit, den gleichnamigen Kinofilm über Perels bewegende Biografie „Hitlerjunge Salomon“ auf der Leinwand anzusehen. Anschließend konnten sie Sally Perel Fragen stellen.

Eindrücklich warnte Perel davor, dass „die braune Gefahr wieder Haupt und Hand hebt“. Der Sozialdarwinismus behauptet, es gebe gutes und schlechtes Erbmaterial sowie gute und schlechte „Rassen“. Das war das Fundament der nationalsozialistischen Ideologie. Die moderne Wissenschaft hat ihre Argumente zwar allesamt entkräftet. „Trotzdem ist der Sozialdarwinismus auch heute noch weit verbreitet“, sagt Perel. Er habe am eigenen Leib erfahren, dass „diese Ideologien wie Gift wirken“.

Lesung im großen Kinosaal: „Das Schicksal ist ein Ganzes. Wer die Vergangenheit nicht anerkennt, kann in der Gegenwart und Zukunft nicht Fuß fassen“, wirbt Sally Perel für eine intensive Erinnerungskultur in Deutschland und Israel.

Lesung im großen Kinosaal: „Das Schicksal ist ein Ganzes. Wer die Vergangenheit nicht anerkennt, kann in der Gegenwart und Zukunft nicht Fuß fassen“, wirbt Sally Perel für eine intensive Erinnerungskultur in Deutschland und Israel. Foto: mlü

Selbst er als Jude habe sich dabei ertappt, wie er bestimmte Ideen verinnerlicht habe. „Dabei musste ich nur in den Spiegel gucken, um zu sehen, dass mir keine Teufelshörner wachsen. Und ich wusste von mir ja ganz genau, dass ich keine deutschen Frauen vergewaltige, wie es die Nazis den Juden ja immer wieder vorgeworfen hatten.“

Historiker und Soziologen warnen, dass sich so etwas wie der Holocaust wiederholen könnte. Doch das Verschwinden der Zeitzeugen stellt die Erinnerungskultur vor große Probleme. Die direkte Begegnung mit Tätern und Opfern wird bald nicht mehr möglich sein. Perel sagt: „Das Schicksal ist ein Ganzes. Wer die Vergangenheit nicht anerkennt, kann in der Gegenwart und Zukunft nicht Fuß fassen.“ Er hat sich geschworen: „So lange mich meine Schuhe tragen, werde ich die Wahrheit berichten.“ Mittlerweile ist er fast 93 Jahre alt.

Im Anschluss an die Fragerunde wurde der Johannes-Gutenberg-Realschule die Urkunde „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ verliehen. Sally Perel selbst übernahm die Patenschaft für diese Aktion.

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