„Feindorganisation“ aus Hiltrup
Wie „Onkel Theo“ die Stasi narrte

Münster-Hiltrup -

Theo Koening wollte Ende der 70er Jahre „den Leuten drüben“ helfen. Mit Briefen, mit Päckchen, mit Zuspruch – und wenn es angebracht war, auch mit Eingaben und Petitionen. Im Laufe der Jahre hat er mit mehr als 700 DDR-Bürgern korrespondiert. Das blieb der Stasi nicht verborgen. Und weil sich dort niemand vorstellen konnte, dass ein einzelner Mensch soviel Engagement an den Tag legt, wurde er als „Feindorganisation“ gehandelt.

Sonntag, 06.10.2019, 04:00 Uhr aktualisiert: 08.10.2019, 17:05 Uhr
Pater Hans Pittruff erinnert sich gerne an „Onkel Theo“. In der Bibliothek der Hiltruper Missionare findet sich Forschungsmaterial zu Leben und Wirken seines früheren Kollegen,
Pater Hans Pittruff erinnert sich gerne an „Onkel Theo“. In der Bibliothek der Hiltruper Missionare findet sich Forschungsmaterial zu Leben und Wirken seines früheren Kollegen, Foto: Peter Sauer/Hans Pittruff

Deutschland hat am 3. Oktober bereits zum 30. Mal den „ Tag der Deutschen Einheit “ gefeiert. An „Wind of Change“ (Scorpions) oder „Looking for Freedom“ ( David Hasselhoff ) erinnert sich fast jeder, auch an die bekannten TV-Bilder von der Prager Botschaft sowie der legendären Pressekonferenz mit SED-Sekretär Günter Schabowski . Aber manchmal werden auch Menschen vergessen, die zuvor ihr Leben riskierten, um selbstlos DDR-Familien helfen zu können. Einer von ihnen war „Pater Theo“ aus dem Hiltruper Kloster.

1972 nahm Theo Köning eine Stelle als Sekretär am Kardinal-von-Galen-Gymnasium an. In der Zeitung „Hilferufe von drüben”, die ein gleichnamiger Verein unterhielt, um die Menschenrechte der DDR-Bürger zu stärken, fand Bruder Theo die Adressen von mehreren hilfsbedürftigen Familien. Die wollten raus aus der DDR und wurden deshalb isoliert und drangsaliert. Ein eigener DDR-Besuch stärkte Theo Köning: „Es war Unrecht und ich wollte nicht tatenlos zusehen.“ Obwohl er nicht mit ihnen verwandt war, nahm der Hiltruper Kontakt auf. „Die Adressen übernahm er von Csilla Külly Freifrau von Boeselager von den Maltesern“, erinnert sich Pater Hans Pittruff im aktuellen Gespräch mit dieser Zeitung.

Bruder Theo

Bruder Theo Foto: Pittruff

„Ich wollte ihnen Mut machen und zeigen: Da ist jemand für Euch.“ Mit drei Adressen fing es an. Bereits 1979 schickte Köning als „Onkel Theo“ zu Weihnachten Pakete an 50 Familien in der DDR. Am KvG wurde ihm für die immer umfangreicheren Paketlieferungen ein Raum zur Verfügung gestellt. 1986 hatte er bereits über 200 Briefpartner in der DDR und schickte ihnen monatlich Pakete zu. Für jeden erstellte er eine Akte. Es wurden insgesamt 729. Die Portokosten von zirka 2600 Mark pro Monat bekam Pater Theo vom Verein „Hilferufe von drüben” erstattet sowie von Unterstützern.

Als das Ministerium für Staatssicherheit 1983 auf ihn aufmerksam wurde, kamen nicht mehr alle Pakete und Briefe bei den Empfängern an. Die Stasi ermittelte seinen Wohn- und Arbeitsort, wie „Onkel Theo“ 1995 den Stasiakten später selbst entnehmen konnte: „In seiner beruflichen Tätigkeit wird ihm nachgesagt, dass er in seiner Funktion eines Sekretärs einer Schule unentbehrlich ist.“ Ein Grundriss des Missionshauses und ein Haftbefehl lagen der Stasi-Akte bei.

„Onkel Theo“ hatte den Vorteil, dass die Stasi sich partout nicht vorstellen konnte, dass hinter all dem eine Einzelperson steckte und sich die „Feindzentrale“ im Keller des Hiltruper Klosters befand. Dort stand Theos mechanische Schreibmaschine. Die war laut. Deshalb der Keller. „Ich wollte meine Mitbrüder nicht stören.“

„Feindzentrale Hiltrup“: das Hiltruper Kloster in dem „Onkel Theo“ wirkte

„Feindzentrale Hiltrup“: das Hiltruper Kloster in dem „Onkel Theo“ wirkte Foto: Peter Sauer

Pater Hans Pittruff schätzt das enorme Wirken von „Onkel Theo auch 2019 sehr: „Vor allem protzte er nie damit. Wenn man ihn darauf ansprach, war er voll da.“ Nicht nur für Pittruff ist „Onkel Theo“ ein großes Vorbild: „Er war solide, gewissenhaft, still, sprach kein Wort zu viel. Er war sehr diszipliniert und hatte ein großes Herz in der Zuwendung und Sorge für Andere.“

Fast täglich schrieb er Briefe, gratulierte zum Geburtstag, fragte, wie es geht, schrieb Petitionen und berichtete aus seinem Alltag.

Die Experten der Stasi hatten ihn schon früh auf dem Schirm. Sie vermuteten aber vielmehr, dass sich hinter dem Pseudonym „Onkel Theo” eine ganze Organisation verbergen musste. Als die Stasi dann doch erfuhr, dass ein Ordensmann ganz alleine da hinter steckte, plante sie eine Hinterlist, da sie Theo Köning in der Bundesrepublik Deutschland nicht verhaften konnte. Beharrlich wurde versucht, ihn in die DDR oder CSSR zu locken.

Doch der Ordensbruder lehnte alle Einladungen und Treffvorschläge ab. Gerade, dass bei Hochzeitseinladungen gleich die Visa mit dabei lagen, machte ihn stutzig. „Ich habe geahnt, dass ich dann nicht wieder zurückkomme“, teilte Köning seinen Klosterbrüdern mit. In dieser Zeit sorgten sich auch KvG-Kollegen und Familienangehörige, dass er von der Stasi entführt oder ihm etwas angetan werden könnte.

Hans Pittruff erinnert sich: „Ich hatte mich immer gewundert, dass Bruder Theo selbst keine Angst hatte, er war sehr mutig und tough, kannte keine Autoritäten und Titel.“ Die Kraft nahm „Onkel Theo“ aus dem Glauben. „Er war ein tiefgläubiger Mensch.“

Nach der Wiedervereinigung 1989 arbeitete Theo Köning – jetzt ganz legal – in Kooperation mit den Maltesern. Es wurden jetzt ganze Lastwagen mit Hilfslieferungen in den Osten geschickt – nach Königsberg. „Auch das war nicht einfach“, erinnert sich Pater Pittruff, „die hatten Angst, er wollte sie bekehren. Außerdem erhoben sie oft Schutzgelder für die Transporte.“

Bis zu seinem Tod am 8. Oktober 2010 hielt „Onkel Theo“ teilweise den Kontakt zu den Menschen in der ehemaligen DDR – parallel zu seinem Dienst an der Pforte des Missionshauses. Dort verteilte er die Post unter seinen Mitbrüdern.

Der wohl prominenteste Fall der Hilfe von DDR-Bürgern war der von Jutta Gallus. „Onkel Theo“ ermöglichte es, dass sie wieder Kontakt zu ihren Kindern bekam. Verfilmt wurde dieses Schicksal als TV-Film „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ (2007) mit Veronica Ferres. „Das machte Bruder Theo sehr stolz“, erinnert sich Pater Pittruff.

„Bruder Theo“ war sehr beliebt

„Bruder Theo“ war sehr beliebt Foto: Hans Pittruff

1995 stieß Theo Köning in der Gauck-Behörde in Leipzig auf seine Stasi-Akten: Auf 8625 Seiten fanden sich jährliche Berichte über ihn, die zeigten wie groß die Gefahr war: Fünf der von ihm angeschriebenen DDR-Bürger waren auch Stasi-Spitzel und auf ihn angesetzt. Sie hatten ihn sogar in Hiltrup besucht. Nach Bekanntwerden reagierte Köning: er verzieh den Spitzeln. Das Stasi-Ziel „Bruder Theo“ zu diskreditieren gelang nicht. Auch wenn einige seiner Kontakte in Haft kamen, vielen hat der Hiltruper helfen können: Sie durften ausreisen.

Pater Hans Pittruff bleibt auch der große Fleiß in Erinnerung: „Onkel Theo war ein „Ein-Mann-Betrieb, fast seine ganze Freizeit nutzte er zum Briefeschreiben“. Fast? „Nach dem Mittagessen hatte er seine obligatorische Mittagsruhe“, erinnert sich Pittruff, „da wollte er von niemanden gestört werden. Theo Köning wurde stinksauer, wenn dann in seinem Büro das Telefon ging.“

Bruder Theos Schreibmaschine steht übrigens nicht mehr im Keller des Klosters der Hiltruper Missionare, sondern im „Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig“. In einer Vitrine.

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