Theaterstück über Schuld und Sühne in der NS-Zeit
„Schämst du dich nicht?“

Münster-Hiltrup -

Die Inszenierung des Theaterstücks „Der Ordner” mit Cornelia Kupferschmid, Hannes Demming und Stephanie Borgert wirft die Frage auf: Prägen uns die Taten unserer Großväter? Nach der Aufführung im Kulturbahnhof gab es noch einen Appell an das Hiltruper Publikum.

Sonntag, 12.01.2020, 20:00 Uhr aktualisiert: 14.01.2020, 09:46 Uhr
Prägen uns die Taten oder Untaten unserer Großväter? Cornelia Kupferschmid und Hannes Demming werfen diese Frage im Theaterstück „Der Ordner“ auf.
Prägen uns die Taten oder Untaten unserer Großväter? Cornelia Kupferschmid und Hannes Demming werfen diese Frage im Theaterstück „Der Ordner“ auf. Foto: Walter

Stephanie Borgert fragt im Theaterstück „Der Ordner“ ihren Großvater, Walter Pohl: „Schämst du dich eigentlich nicht?“ Als Obersturmführer befahl Pohl 1942 den Mord von 100 Juden und politischen Funktionären in Schachty (Russland). Nach seinem Tod erhielt die Enkelin die Gerichtsprotokolle ihres Großvaters, die auch Informationen über seinen Freispruch enthalten.

Borgert machte 2018 in Zusammenarbeit mit Carola von Seckendorff (Regie und Text) ein Theaterstück daraus, das am vergangenen Freitag vom Theaterensemble „FreiFrau“ im Kulturbahnhof Hiltrup aufgeführt wurde.

Borgert selbst spielt darin die Enkelin, die ihren Großvater mit den Fragen löchert, die vielen Enkeln unter den Nägeln brennen: „Wieso hast du dich nicht geweigert?“ und „Wie geht’s dir heute damit?“ Mit Schauspielerin Cornelia Kupferschmid teilt sie sich die Rolle der Hinterbliebenen, die die Taten ihres Vorfahren verstehen will.

Die Antworten des Großvaters (gespielt von Hannes Demming ) fallen unter den Anschuldigungen seiner Enkelin immer abweisender aus: „Will ich nix mehr von wissen!“ meint er und rechtfertigt sich mit den Worten: „Als Teilkommando-Führer konnte ich mich einem Befehl nicht entziehen, ohne mein Leben zu gefährden! Die hätten mich an die Wand gestellt!“

Das Vorlesen der Anklageschrift, die die Erschießung der Opfer im Panzergraben bis ins Detail schildert, macht fassungslos. Demming schafft es mit seiner schauspielerischen Leistung trotzdem, den Großvater mit der Schnapsflasche sympathisch wirken zu lassen.

„Ich denke nicht, dass mein Opa ein Sadist war!“ meint Borgert später im Gespräch mit einigen Zuschauern. Vielmehr wäre ihr Großvater aufgrund der Umstände zu seinen Taten gezwungen gewesen.

Zum Ende des Stücks soll das Publikum entscheiden, ob Pohl schuldig oder unschuldig ist. Die Mehrheit stimmt für schuldig.

Borgert hat sich dazu entschlossen, mit ihrer Familiengeschichte ans Licht zu gehen „um den Mund aufzumachen“, sagt sie. Wiedererstarkender Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit in der heutigen Zeit müsse etwas entgegen gesetzt werden, meint die Münsteranerin. „Wie kann es sein, dass das Flüchtlingsheim in Hiltrup mehrmals brannte, bevor überhaupt jemand eingezogen ist?“ ruft sie dem Publikum zu.

Mit diesem aktuellen Bezug schiebt „der Ordner“, Hass und Gewalt nicht in längst vergangene Zeiten, sondern schafft es, dass auch die noch lebenden Generationen über ihre Verantwortung und die Frage der Enkelin an sich selbst nachdenken: „Das ist doch seine Geschichte und nicht meine?“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7188099?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F132%2F138%2F
Preußen Münster sperrt Tatverdächtigen für drei Jahre aus
Lerow Kwado (l) bedankt sich bei Fans des SC Preußen Münster für die Unterstützung.
Nachrichten-Ticker