Ungewöhnliche Lesung in der leeren St.-Clemens-Kirche
Vier Sekunden Widerhall

Münster-Hiltrup -

Naheliegende wie überraschende Texte hat der Vorleseclub ausgegraben und für die ungewöhnliche Lesung in der leeren St.-Clemens-Kirche gewählt.

Sonntag, 01.03.2020, 17:17 Uhr aktualisiert: 02.03.2020, 11:24 Uhr
Der Vorleseclub füllte St. Clemens, begleitet von den Musikern Martin Adolf und Jochen Schwenken.
Der Vorleseclub füllte St. Clemens, begleitet von den Musikern Martin Adolf und Jochen Schwenken. Foto: anh

Das Gestühl ist raus aus dem Kirchenschiff von St. Clemens. Neue Wege sind frei, auch für den Schall und Widerhall. Beim Vorlesen des Vorleseclubs Hiltrup unter dem Motto „Zur Kirche! Bauen, Pilgern, und ...?“ saßen Gäste und Leser nicht in dieser Weite, sondern im engen Halbrund hinter dem Altar der Hallenkirche, vom Kirchenschiff getrennt durch eine Stellwand – Projektionsfläche für Bilder. Keine Sitzbank hemmt den Hall.

Der dauere vier Sekunden, merkt Günter Rohkämper-Hegel an. Und Henning Klare fügt hinzu, im Kölner Dom daure der Hall zwölf Sekunden. Doch im Halbrund ist die Verständlichkeit gut während der anderthalb Stunden des Vorlesens, eingeleitet und abgeschlossen durch Musik von Martin Adolf an der Gitarre und Jochen Schwenken am Saxofon.

Naheliegende ebenso wie überraschende Texte hat der Club ausgegraben und gewählt: Das zweite Buch Samuel, Hanns-Josef Ortheil „Die Erfindung des Lebens“, wo er die Fassade des Petersdoms studiert – „keine Kirche mehr, sondern ein unbetretbares Jenseits“, das Erstaunen eines Kirchen-Fremden bei Herman van Veens „Eine Geschichte von Gott“, wo der Fremde sich wundert, wie dies ein Haus Gottes sein könne, wo doch weder Blumen sprießen noch Wasser fließt, Hape Kerkelings Pilger-Kontemplationen, Walter Jens Plädoyer für Judas als Märtyrer. Erhart Kästner führt in die Einsiedler-Welt des Berges Athos. Nietzsche befasste sich mit dem „unbekannten Gott“, Carmen Rohrbach mit einem störrischen Esel. Zum Finale reibt sich Don Camillo an seinem Widersacher Peppone, mit humorigem Einschlag und Einblick in eine von Jesus gebändigte Seele.

Es lasen Rohkämper-Hegel, Gunthild und Henning Klare, Anne Sandfort, Martin Kmiecik, Monika Nessau, Karin Honermann und Heide Kraft.

Für den Vorleseclubs Hiltrup war es nicht die erste Lesung in einer Kirche: im Dezember 2019 hatten sie in Alt-St. Clemens gelesen.

Die leere Kirche wird in den kommenden Tagen Musik erleben, aber auch ein Theaterstück: Welchen Platz die Schauspieler des Theaterlabors aus dem Kulturbahnhof Hiltrup aussuchen und wie sie mit Raum und Klang umgehen, dürfte spannend werden.

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